DU BIST NICHT ALL EIN, SKLAVE
Die Welt als Reality-Show
Stellen wir uns vor, die Umwälzung der Wirklichkeit hätte
schon stattgefunden und wir nähmen sie erst langsam wahr. Stellen wir uns vor,
das viel beschworene "Ende der Geschichte" läge tatsächlich hinter uns - Damit
ist weder Endzeit noch ewige Ruhe gemeint, sondern Geschichte im Hegelschen
Geist; die Bewegung des Negativen, die den Schein des Bestehenden stets unterminiert.
Was wäre, wenn jede mögliche Erscheinung des historischen Bösen nun von der
endlosen Positivität, die sich über den ganzen sozialen Zeitraum ausdehnt, definitiv
neutralisiert wäre?
Freilich verkörpere diese neue Wirklichkeit nicht das Hegelsche System, sondern
dessen Parodie. Nicht der absolute Geist, sondern das unglückliche Bewußtsein
hätte dann den Endsieg errungen. Mag eine solche Spekulation auch noch so nach
einem postmodernen Hirngespinst aussehen, sie gewinnt seltsamerweise an Überzeugungskraft,
betrachten wir die gleichförmige Gegenwart durch das Prisma der zahlreichen
Events, die sie so unterhaltsam ausschmücken.
Nehmen wir die Seifensendung namens Big Brother. Zwar wurde schon darüber alles
und sein Gegenteil geschrieben, doch hier wird sie als kritischer Beitrag zur
Aktualität Hegels betrachtet. Zu diesem Zweck sollte man sie am besten ohne
Ton schauen und sich währenddessen Auszüge aus der Phänomenologie des Geistes
vorlesen lassen. Nur gelegentlich wäre der O-Ton wieder eingeschaltet, um zufällige
Trottelaussagen wie: "Ich glaube, daß meine Zukunft mir gefällt" oder "Ich bin
ein Typ, der wo mit jeder Situation zufrieden ist" zu genießen. So wird das
eigentliche Konzept endlich klar: Big Brother ist nichts anderes als eine gelungene
Zelebration der sich vollziehenden Sklaverei neuer Prägung.
Darum hat das Publikum recht, den Vorwurf zurückzuweisen, die Show verletze
die Menschenwürde und mache die Teilnehmer zu Objekten. Wenn der Spiegel ein
häßliches Bild zeigt, ist es töricht, den Spiegel zu beschuldigen. Da das Postulat
eines neuartigen Sklavenwesens im Zeitalter der Menschenrechte und der freien
Marktwirtschaft unangemessen erscheinen mag, bedarf es einer kleinen Erklärung:
Was aus dem Zeitgenossen einen Sklaven macht, liegt nicht hauptsächlich daran,
daß ihm keine Entscheidungsmacht über irgendeinen Bereich des eigenen Lebens
bleibt. Sklave ist er im wesentlichen, weil zur integralen Ware geworden. Nachdem
alles Bestehende in Waren verwandelt wurde, wird der Konsument selbst zum Konsumobjekt.
Im Gegensatz zum Lohnsklaven des Industriezeitalters, der nur für eine bestimmte
Anzahl an Tagesstunden seine Arbeitskraft zu verkaufen gezwungen war, muß sich
der postindustrielle Sklave rund um die Uhr auf den Markt stellen. Er kennt
weder Ladenschluß noch Feierabend, denn seine Arbeit ist bloß ein Moment des
Konsums, seine Freizeit wiederum ein Moment der Arbeitgeworden (Im RTL-Container
wird hundert Tage lang pausenlos geschuftet).
In der Firma und in "after work discos" muß er dasselbe marktkonforme Profil
unter Schmerzen bewahren. Nachgefragt wird nicht mehr seine Arbeitskraft, sondern
seine Verführungskraft. Wie die tote Ware muß die lebendige Ware stets frisch,
rebellisch, angepaßt, individualistisch, gesellig, politisch-korrekt, dynamisch,
cool und vor allem positiv aussehen. Sie lebt in der Angst, mit dem ersten Makel
dem Verführungsmarkt entzogen zu werden.
"Das wahre Leben? Die Ware Leben!" witzelte ein Stern-Redakteur
über Big Brother. "Die Waren leben!" hätte er gleich hinzufügen können, um die
geheime Formel der Gegenwart zu erläutern. Der postindustrielle Sklave ist kein
zu Ware gewordener Mensch, sondern eine zu Mensch gewordene Ware.
Die Unterhaltungsfabrik Endemol bietet eine Auslese von lebendigen Dingen an,
deren Anpreisung sich wie die Etikette eines beliebigen Produktes liest:" Jeder
Bewohner hat vor dem Start intensive psychologische und allgemeinmedizinische
Tests erfolgreich durchlaufen. Seelische Stabilität, Durchsetzungsvermögen,
emotionale Intelligenz und Gruppenfähigkeit sind bei den Bewohnern überdurchschnittlich
ausgeprägt. " Nichtzufällig entsprechen diese Eigenschaften genau den personalpolitischen
Normen der neuen Wirtschaftsunternehmen. Längst haben Charme und Schwung die
Fachkompetenz ersetzt, genauso wie die gelungene Werbung eines Produktes wesentlicher
als sein Nutzwert ist. Der WG als Wohnmodell entspricht die" flache Hierarchie"
am Arbeitsplatz, beide werden von den gleichen Regeln bestimmt: Aufgaben werden
gemeinsam diskutiert, verteilt und bewertet, Konflikte sorgfältig vermieden
oder, wenn es nicht anders geht, aufgearbeitet. Unter dem durchdringenden Blick
seiner Gleichgesetzten befindet sich der Einzelne in der Zwickmühle zwischen
Gruppenkonformität und Durchsetzungszwang. Wer bei den Mitsklaven verspielt,
muß raus.
Selbstverständlich trifft die Hegelsche Logik von Herrschaft und Knechtschaft auf diese neue Gattung nicht mehr zu. Warenmenschen sind herrenlose Sklaven, sie werden nicht einem persönlichen Tyrann unterworfen, sondern einem abstrakten Prinzip, das sie selbst verkörpern. Noch in Orwells Darstellung entsprach Big Brother einer totalitären Herrschaft persönlicher Natur. Dem großen Künstler Jan de Mol müssen wir also dankbar sein, die richtige Metapher der horizontalen Diktaturdargestellt zu haben. Big Brother sind die Anderen. Natürlich gibt es noch Lebende, die das neue Sklavengesetz nicht vollständig verinnerlicht haben und z.B. Redehemmungen in der Öffentlichkeit oder Überzeugungsschwäche in Streßsituationen erleben. Für sie wurde extra eine Krankheit namens "soziale Phobie" erfunden - 13 Prozent der Amerikaner sollen darunter leiden - und glücklicherweise hat die Chemie schon eine Behandlung dagegen gefunden. Als Pendant des Big-Brother-Mottos "Du bist nicht allein" gilt die als Werbeslogan für Smith Kline-Pillen gegen "soziale Phobie" kaum versteckte Drohung: "Stellen Sie sich vor, Sie wären allergisch gegen Menschen..."
Politisch gesehen stehen die Big-Brother-Helden den Grünen
am nahesten: Sie sind tolerant, ausländerfreundlich, gegen AKWs und erklären
sich bereit, sich für eine Million D-Mark zu prostituieren. Für Frieden würden
sie demonstrieren, " aber nicht auf der Straße". Nicht zufällig wird der Schauplatz
dieser Inszenierung als "Kommune" erklärt. Es ist eine bekannte List der Unvernunft,
daß sich die neue Marktdiktatur auf dem symbolischen Gerüst der antiautoritären
Bewegung errichtet hat. Die Kommune der sechziger Jahre stellte sich gegen die
Familie und das Paar, diese "beiden letzten Gemeinschaften" so Houellebecq,
"die das Individuum vom Markt trennten". Die von den damaligen Rebellen angestrebte
Auflösung aller traditionellen Schranken erwies sich als günstige Voraussetzung
des neuen Sklavenwesens, das keine Grenzen mehr kennt. Einzig geblieben ist
der antinegativistische Schutzwall, der die sterile Disneyworld vom Bösen trennt
- darunter werden zugleich Ironie, Gewalt, Zweideutigkeit, Kritik und Tod eingeordnet.
Der Big-Brother-small-talk ist das Endprodukt der politisch-korrekten Reinigung
der Sprache, die nichts bedeuten muß, sondern nur wiederholen und Konformität
nachweisen. Lebendige Waren werden stets aufgefordert, Güte zu zeigen. Erste
Güte.
Bezeichnenderweise betraf die erste Vereinbarung, die von den TV-Knastinsassen
getroffen wurde, das Gebot des Sitzpinkelns. Mit dieser Erfindung der deutschen
Alternativen ist der antihierarchische Big Brother schonlängst in die letzte
Zuflucht der Intimität eingedrungen. Im Racheakt gegen den homo erectus bringt
die symbolische Kastrierung des Sitzpinkelns das zutreffende Sklavenprinzip
zum Ausdruck: Gleichheit in Hockstellung.
Die Big Brother-Versuchssklaven, so die offizielle Verkündung,
bekommen "in der Grundausstattung alle Dinge, die man für ein zivilisiertes
Leben braucht"; dann wird gleich Endemols Zivilisationsbegriff präzisiert: "Eingeschränkt
werden lediglich Luxusgüter, Zigaretten, Alkohol oder Süßigkeiten. Unter diesem
Aspekt leben die Kandidaten im Big Brother-Haus sogar gesünder als im Alltag."
Es ist nur richtig, daß sorgfältig ausgesuchte Waren nicht mit schädlichen Zutaten
verdorben werden dürfen. Big Brother verlangt Biosklaven mit Lungen, Leber und
Zähnen in tadellosem Zustand. Nicht mehr als seine Sprache oder sein Verhalten
gehört dem Sklaven sein Leib. Er ist bloß eine zufällige, unvollkommene Zusammensetzung
von Organen, Zellen und Genen, die je einen Marktwert haben und dank des technologischen
Fortschritts durch adäquatere Teile ersetzt werden können. In diesem Zusammenhang
stellt Gesundheit das oberste Gebot dar, doch mit einer neuartigen Bedeutung
besetzt. Lebendige Waren sind verderblich und deshalb selbst dazu verpflichtet,
ihr Verfallsdatum zu beachten und möglichst aufzuschieben. Doch um seinen Verführungswert
aufrecht zu erhalten genügt es nicht, nicht krank auszusehen. Gesundheit ist
ein permanenter Krieg gegen jenes einzige Überbleibsel der Negativität, das
noch für die Unruhe des Zeitgenossen sorgt: die Zeit und seine Erscheinungsformen
-Falten, Fett und Verfall.
Die marktkonforme Disziplinierung des Körpers kennt keinen Unterschied zwischen
Pharmakologie und Kosmetik. Wenn die Big Brother Kandidaten nicht auf dem Hometrainer
schwitzen, unterhalten sie sich über wesentliche Themen wie die Vor- und Nachteile
von Implantaten (eine schönere Brust oder ein längerer Schwanz zieht den Verbraucher
an, mag jedoch das Verfallsdatum beschleunigen) oder die moralische Pflicht
der Organspende (Bereitstellung von Ersatzteilen auf dem second hand Markt).
Besonders vorsintflutlich klangen die Beschwerden, die am Anfang der "real life
soap" laut wurden, dieser stellte eine Verletzung des Privatlebens dar. Waren
kennen kein Privatleben. Spätestens mit der Ausstattung der Sklaven mit Handys
ist das Privatleben zur Reliquie der Vergangenheit geworden. Nun drängen sie
ihren Mitsklaven an den unpassendsten Orten ihr langweiliges Gequassel auf.
RTL muß man nicht schauen, doch Handygespräche sind unüberhörbar. Außerdem können
die Bewegungen der Handyträger rund um die Erde per Satellit verfolgt werden,
genauso wie das Privatverhalten (d.h. der Konsum) der Kreditkartenträger und
die Beziehungen (d.h. die chat lines) der Internet-User jederzeit zugänglich
sind. Waren sehnen sich nach Sicherheit und Überwachung, denn sie leben in der
Angst, mißbraucht statt verbraucht zu werden. Sie wollen die absolute Transparenz
des Schaufensters. Als bei Big Brother eine "kamerafreie Stunde" eingeführt
wurde, empörten sich die Containerbewohnermächtig gegen diese Einschränkung
der Sklavenfreiheit, dabei erläuterte einer das ultimative Bekenntnis aller
integralen Sklaven: "Ich habe nichts zu verstecken!"
Dennoch bedeutet das Eindringen der Öffentlichkeit in das Privatleben keineswegs,
daß alles nun zur öffentlichen Sphäre gehöre. Bekanntlich werden im gleichen
Zug öffentliche Räume zunehmend privatisiert und die diversen Gelegenheiten,
die zur Formierung einer öffentlichen Meinung beitrugen, vernichtet. Da haben
wir es also miteiner Hegelschen Versöhnung des Gegensatzes zwischen dem Privaten
und dem Öffentlichen zu tun, welche in einer neuen Qualität aufgehoben werden,
für die es noch keinen Namen gibt. "Für den ungewöhnlichen Fall von Gewalttätigkeiten
im Haus, die ja jederzeit sichtbar wären, können Sicherheitsdienste sofort eingreifen."
Diese Erklärung zum RTL-Hochsicherheitscontainer könnte zugleich den Potsdamer
Platz betreffen, ein beliebiges Einkaufszentrum, immer mehr Straßen. Nicht aktive
Kriminalitätsbekämpfung, sondern Abschreckung ist der erklärte Zweck der stets
wachsenden Videoüberwachung. Sklaven wurden schon immer mit Abschreckungsmitteln
gezüchtet.
Die einzige Spannung, die von der Soap-Handlung versprochen wurde, drehte sich
um die Frage: Wer wird mit wem schlafen? Wie Debord meinte, das globale Dorf
wird wie jedes Dorf von Konformismus, Langeweile, kleinlicher Bespitzelung und
stets wiedergekäutem Tratsch beherrscht. Dabei heißt die Sendung nicht "Big
Brothel" und keiner hätte sich träumen lassen, daß die 100 Tage von Köln-Hürth
den 120 Tagen von Sodom ähneln würden. Bei de Sade werden die Sklaven in Sexorgien
bis zur Erledigung verzehrt. Bei Big Brother würde eine solche Verschwendung
einer Supermarktplünderung gleichen. Für lebendige Waren dient der Geschlechtsakt
ausschließlich der Bestimmung ihres Tauschwertes, darum ist er an sich nebensächlich
und braucht nur unter der Bettdecke angedeutet zu werden. Für jedes lebendige
Ding hat die sexuelle Marketingstrategie ihre Schwierigkeiten: Wer nicht verführen
kann, wird nicht verbraucht. Doch wer sich zu schnell verbrauchen läßt, erweist
sich als Billigware. Daher wollte sich eine Big-Brother-Sklavin vorläufig darauf
beschränken, "Schmuseeinheiten" (so ihre blumige Sprache) auszutauschen. So
sehr sich die Selbstwerbung auch entfremdeter Begierde und konventioneller Erotik
bedient, Waren kennen in ihrem praktischen Dasein keine Geschlechtsdifferenzierung.
In den täglichen Gesprächen, Aufgaben und Entscheidungen herrscht die vollkommene,
durch Quoten garantierte Gleichheit, welche keinen Sieg des Matriarchats gegen
Machismus, keine Feminisierung des Miteinanderlebens darstellt, sondern dessen
Neutralisierung. Lebendige Waren sind Neutren, oder um das Credo zu benützen,
das natürlich auch in einem Big-Brother-Gespräch auftauchte: "Ich sehe keinen
Unterschied zwischen Männern und Frauen." Laut Hegel kämpft jeder Mensch um
Anerkennung. Am Anfang dieses Prozesses herrscht Ungleichheit und Anderssein;
am Ende die Gegenseitigkeit. Für die herrenlosen Sklaven stellen sich aber die
Bedingungen umgekehrt dar.
Am Anfang ist die Gleichheit (Jeder Jeck ist identisch). Dann fängt für jede
einzelne Ware der erbitterte Kampf um die Aufmerksamkeit an. Sie muß um jeden
Preis auffallen, um von den Verbrauchern gewählt zuwerden. Statt Hegels Vorstellung
hat sich also die Prophezeiung des widerlichen Albinos bestätigt: Jeder Sklave
und jede Sklavin darf für 15 Minuten ein Star sein. Endlich haben lebendige
Waren das gleichberechtigte Recht auf Werbung errungen. Jährlich bewerben sich
28000 Deutsche, um ihre Nichtigkeit in Talkshows vorzuzeigen. Sie geraten aber
stark in Konkurrenz mit Produkten wie Tinacam, äußerlich Versicherungskauffrau
in Düsseldorf, die sich online und rund um die Uhr anbietet. Selbst rein negative
Handlungen werden derweilen von der endlosen Positivität der Selbstdarstellung
verschlungen. Die einstige Schönheit des Vandalismus - Anonymität und Zwecklosigkeit
- entschwindet vor dem Drang, sich dadurch als Künstler oder Aktionspolitiker
einen Namen zu machen. Neulich wurde ein16-jähriges Mädchen aus der Provinz
festgenommen, die geplant hatte, ihre Schule samt Insassen in die Luft zu sprengen.
Gab sie etwa als Tatmotiv Rache oder Langeweile an? Nein, sie wollte "berühmt
werden". Daraufhin erklärte eine Mitschülerin und beinahe Opfer, daß sie "irgendwie
verstehen" konnte: "Wenn sie schon berühmt werden wollte..."
Erwartungsgemäß haben nun Akademiker eine ad hoc Disziplin namens "Aufmerksamkeitsökonomie"
geschaffen. Genau so wie die Ökonomie das Geld als etwas neutrales und natürliches
behandelt, verleiht das Wort Aufmerksamkeit dem Phänomen der freiwilligen Verdinglichung
eine Scheinneutralität, als ob sie zur menschlichen Natur gehöre. Doch die Obsession
des Berühmtwerdens existiert nur dort, wo Anerkennung unmöglich gemacht wurde.
Darum ist letzten Endes die Existenz der fröhlichen Ware eine praktische Unmöglichkeit:
Hinter ihrem Lächeln steckt ein unendliches Leid.
Auf den ersten Blick entspricht die sogenannte "Real life Soap" nicht dem wahren
Leben, sondern dem Bestreben der Teilnehmer, ihr "Image" zu vermarkten, also
den Zuschauern ein korrektes und möglichst angeberisches Trugbild von sich selbst
zu zeigen. Ihr Verhalten sei deswegen nicht authentisch, weil von dem prüfenden
Blick des Zuschauers bestimmt. Doch dieser Schein ist selbst ein Schein, denn
in der äußeren Welt passiert nichts anderes, auch dort ist das Verhalten des
lebendigen Dings ständig von dem prüfenden Blick seiner virtuellen Konsumenten
bestimmt. Nicht nur darf es nirgendwo authentisch sein, es hat auch keine Ahnung,
was Authentizität sein sollte, denn seine Persönlichkeit wurde in der gleichen
künstlichen Weise "saniert" wie die von ihm fotografierten pseudohistorischen
Stadtzentren. Überall, wo sich der integrale Sklave befindet, ist die einzig
übriggebliebene Wirklichkeit eine realityshow. Ständig schwebt er zwischen Themenparks
und Arbeitssimulation, Erlebnisgastronomie und Skater Demos. Die Geburtsstunde
dieser Epoche hatte Erich Maria Remarque während des zweiten Weltkrieges in
Kalifornien erkannt, als er in "Schatten im Paradies" bemerkte: "Wirklichkeit
und Schein vermischten sich hier so vollkommen, daß sie zu einer neuen Substanz
wurden, - so wie Kupfer und Zink zu Messing, das aussah wie Gold."
Guillaume Paoli