FÜR DIE AUSDEHNUNG DES SOMMERLOCHS!
FÜR DIE KREATIVE PASSIVITÄT!
DIE GLÜCKLICHEN ARBEITSLOSEN LADEN EIN
Ausstellung / Präsentation / Noworkshops:
15., 16., 17. August 1997, 14.00-21.00
Arbeitsloser Umtrunk: 15.August, 21.00
Veranstaltung: 17. August, 16.00
SKLAVENmarkt im Pratergarten,
Kastanienallee 7, Berlin
PROVISORISCHES PROGRAMM:
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GLÜCKLICHE ARBEITSLOSIGKEIT FÜR ANFÄNGER
Eine Ausstellung stellt die wenigen Errungenschaften bisheriger Nichtarbeit
vor.
Programmatische Texte stehen auch zur Verfügung.
KONKRETE FÄLLE
Menschen, die als Arbeitslose irgendwas außerordentliches bzw. angenehmes erlebt
haben, das sie nicht als Arbeiter erlebt hätten, erzählen ihre Geschichte.
NOWORKSHOPS
-Fit for unemployment
Der Marktwert der Glücklichen Arbeitslosen wird festgestellt.
In einem ersten Schritt entwerfen die Teilnehmer ihre eigenen Diplome und formulieren
virtuelle Lebensläufe für reale Einstellungsangebote. Alle Fakten entspringen
der Phantasie der Teilnehmer. Die Dokumente werden zu Bewerbungen zusammengefaßt
und am realen Arbeitsmarkt getestet.
Die Reaktionen auf die Bewerbungen werden statistisch erfaßt und angeregt diskutiert.
Gemeinsam werden Strategien für die unterschiedlichen Vorstellungsgespräche
entworfen.
-Tauglichkeitstests (zur Eignung als glücklicher Arbeitsloser)
Endlich: Die Bewertung der Tests vom letzten Jahr wird vorgeführt, sowohl statistisch
als auch poetisch betrachtet. Und diese gemeinunnützige Forschung wird selbstverständlich
weitergeführt.
PERSONALITY STYLING
Zielgruppe:&
Damen und Herren, denen gegen ihren Willen ein Job angeboten werden kann
Zum Thema:
Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance! Wenn Sie keine Stelle annehmen
wollen, müssen Sie dabei vor allem abstoßend wirken. Manche Pläne und Anstrengungen
mißlingen, wenn die dahinterstehende Persönlichkeit zu optimal zur Geltung kommt.
Durch trainiertes typgerechtes Outfit strahlen Sie garantiert weder Selbstbewußtsein
noch Dynamik noch Souveränität aus. Und eine negative Ausstrahlung verstärkt
Ihre Wirkung.
Inhalt:
Tips zum Bewerbungsfoto
Welche Stilrichtung paßt nicht zu mir?
Wie drückt man am besten Schwachpunkte aus?
Brillen- und Frisurberatung
Geschickter Einsatz von Accessoires
Wie sage ich es auf sächsisch?
Welches Maß am Rauschzustand ist bei meiner Vorstellung erforderlich?
Anschließend : Modenschau
VORSCHLÄGE ZUR NEUGESTALTUNG DES ARBEITSAMTES VI.
Das Leben der unglücklichen Arbeitslosen besteht aus Zwangswarten : auf eine
Verbesserung der Wirtschaft, auf ein Arbeitsangebot, auf die Erscheinung seiner
Wartenummer im Wartezimmer des Arbeitsamtes. Dabei könnte wenigstens die Wartezeit
gemütlich gemacht werden. Aber nein, die Arbeitsämter bieten äußerst unangenehme
und frustrierende Einrichtungen.
Zum Beispiel: das Arbeitsamt VI (Lichtenberg, Mitte, Friedrichshain), Gebäude
der ehemaligen Stasizentrale. Ein Diavortrag über den aktuellen Zustand wird
präsentiert, dazu werden konkrete Vorschläge zu spielerischen und Behaglichkeit
steigernden Verbesserungen gesammelt.&&&Ein Bericht wird dem Arbeitsamt übergeben
werden.
WETTBEWERB: DAS DENKMAL DES UNBEKANNTEN ARBEITSLOSEN
Dieser Wettbewerb richtet sich an Künstler aller Kunstrichtungen. Der Entwurf
des Wettbewerbsgewinners wird realisiert und an exponierter - derzeit aber noch
geheimgehaltener - Stelle der interessierten Öffentlichkeit präsentiert.
LOB DER LANGSAMKEIT
Für eine entsprechend langsame Agitation in der Öffentlichkeit:
Entwurf des 1. Internationalen Schneckenrennens mit Wettbüro.
VORTRAG + PALAVER:
KEINE ARBEIT -WAS SONST?
Die Gesellschaft der Arbeit entläßt ihre Kinder. Dabei ist sie kaum 200 Jahre
alt und stellt eher eine traurige Ausnahme in der Menschheitsgeschichte dar.
Das Entschwinden der Arbeit ist also nicht so katastrophal wie es aussieht.
Ethnologie, Geschichte und Volkskunde werden bemüht, um Beispiele von glücklicheren
Formen der Tätigkeit zu liefern. Nur eines ist sicher: Eine bessere Gestaltung
unserer Freizeit wird uns nicht vom Himmel, Markt oder Staat geschenkt werden.
Auch das Projekt einer Arbeitszeitverkürzung ist unzureichend: Warum nur ein
Quicky, wenn es so viel Spaß machen soll? (Konkrete Beispiele in der Erotik,
der Kochkunst, den Reisen usw.) Gegen den öden und ausschließenden Puritanismus
der Ökonomie müssen andere Werte und Methoden eingesetzt werden. Unnütze Aufwände
sind lebensnotwendig. Nicht "Wohlstand für alle", dieses Ideal der Gartenzwerge,
sondern "Luxus für alle" könnte das Ziel lauten.
Dabei stehen noch keine fertigen Lösungen zur Verfügung. Experimentieren ist
gefragt, was allerlei Erfahrungen, Vorschläge, bzw. Widerlegungen, fordert.
Dabeisein ist nicht alles. Liebe Dilettanten und Dilettantinnen, nehmen Sie
Ihre Muße ernst, und bringen Sie Ihre Ideen mit, es lohnt sich!
Anmerkungen zu einer Veranstaltung
Am dritten Augustwochenende fand im Prenzlauer Berg eine Reihe von Veranstaltungen
der "Glücklichen Arbeitslosen" statt. Ich schaffte es nur, am Sonntagnachmittag
zum "Palaver" zu gehen. Es waren etwa zwanzig Leute da, wir saßen in der Sonne
im Pratergarten, die Stimmung war locker. Es gab zwei Einführungsbeiträge, in
denen - grob zusammengefaßt - die Ethik der Arbeit angegriffen und das Glück
der Nichtarbeit gepriesen wurde. Insgesamt ein schönes Treffen, hier einige
Anregungen zur weiteren Diskussion:
Im ersten Beitrag wurde eine Trennung zwischen der "Welt der Arbeit" und etwas
anderem behauptet, wozu die Arbeitslosigkeit gehört oder gehören könnte. Eine
solche Trennung finde ich schwierig, nach meiner Erfahrung geht die Arbeit nach
Feierabend weiter, gerade mit Kind, auchArbeitslosigkeit heißt oft mehr Arbeit
als "im Job". Natürlich erfahren wir diese Trennung als Arbeitslose oder nach
Arbeitsende den Feierabend Genießende sinnlich, aber eine solch einfache Trennung
verdeckt leicht die Kontinuität des Arbeitszwangs - die meisten von uns lassen
sich "nach derArbeit" nicht bedienen, sondern arbeiten schnell noch was für
sich selbst, die Wohnung wird am Wochenende renoviert usw.
Jeremy Rifkin ("Das Ende der Arbeit"; fischer tb 13606 - Er behauptet, in der
Zukunft mache die technische Entwicklung achtzig Prozent aller menschlichen
Arbeit(erlnnen) überflüssig) folgend versuchen sie, dessen Thesen zu benutzen,
um zu sagen: "Richtet euch auf die Arbeitslosigkeit ein, Leute, statt der Arbeit
hinterherzutrauern, und genießt sie!" Das ist als Subversion gegenüber dem real
existierenden Gejammer über fehlende Arbeit witzig. Ich selbst kenne aber kaum
Arbeitslose, die von ihrer Kohle noch leben können, ohne schwarzarbeiten gehen
zu müssen. Gibt es denn diese Arbeitslosen als Menschen ohne Arbeit überhaupt
noch als Mehrheit, hat es sie je gegeben? Und darauf ein politisches Konzept
zur Veränderung der Welt zu stützen und dabei möglicherweise zu übersehen, daß
in diesem Kapitalismus ja immer wieder neue Bedürfnisse geschaffen werden, und
zwar je mehr Menschen "arbeitslos" sind, je mehr Zeit sie zum Konsumieren haben
(Bsp. Musik/Kultur, Love Parade Berlin, die in kürzester Zeit zu einem gigantischen
Kommerzteil wurde und bei ihrer Durchführung jede Menge (prekärer!) Arbeit mobilisiert
hat, ich war einer davon...)
Desweiteren wird behauptet, es gäbe eine Tendenz zur Abschaffung der schweren
körperlichen Arbeit, diese würde ersetzt durch "mentale Arbeit". Abgesehen davon,
daß ich Bildschirmarbeit auch eher unter "schwere körperliche Arbeit" fassen
würde, spiegelt sich hier vielleicht eher die eigene "privilegierte" Lage der
Erben des Reichtums, die vielleicht sozial ausgegrenzt werden können, - oder
das selbst tun - aber nicht ihres Anspruchs auf den gesellschaftlichen Reichtum
des Imperiums beraubt werden. Mit anderen Worten: Machen ein illegaler albanischer
Bauarbeiter oder eine lateinamerikanische Putzfrau in Berlin möglicherweise
eine andere Erfahrung? (Siehe Paul Lafargue: "Die christliche Liebestätigkeit",
der eine Geschichte des "Sozialstaats" vom alten Griechenland bis zu seiner
Zeit zeichnet, wobei sich immer wieder dieses Muster wiederholt: die Nachkommen
der Reichsbürger werden zu zahlreich, die alte Gentilgesellschaft kann nicht
mehr alle einbauen, viele wollen das auch nicht, sie wollen teilhaben ohne etwas
dafür zu leisten, es entsteht ein städtisches Proletariat, das auf einen alten
Anspruch zurückgreifen kann und mit Brot und Spielen ruhig gehalten werden muß...)
Gibt es nicht zumindest in den USA und Europa eher eine neue Spaltung der Klasse
durch Migration in sozialstaatlich abgesicherte, gewerkschaftlich organisierte
usw. Arbeitskraft, die tendenziell vielleicht eher am Bildschirm landet, und
einer kriminalisierten Arbeitskraft, die genau diese körperlich schweren Arbeiten
übernimmt - mit fließenden Grenzen zwischen diesen Gruppen - wodurch letztere
für die "Garantierten" aus dem Blick gerät, weil sie offiziell gar nicht existiert,
nicht existieren darf höchstens in den Schlagzeilen für die Aufrüstung der sozialstaatlichen
Kontrollinstrumente?
Als Alternative zur Arbeit schlagen sie die "gesamtsoziale Handlung" vor, das
ist ein Begriff aus der Völkerkunde/Ethnologie - sie brachten ein Klangbeispiel
vom Band, nach Urwald klingende Töne, und erklärten, es handele sich um Kommunikation
von Pygmäen bei der Jagd, was von Musikforschern als Musik, von Ökonomen als
Arbeit, von Kulturforschern als kultische Handlung interpretiert würde, was
aber tatsächlich eben eine gesamtsoziale Handlung sei, die Pygmäensprache habe
gar keine Begriffe für Musik und Arbeit usw. Anders gesagt, die Pygmäen verhalten
sich einfach so, machen sich auch nicht das Problem, das in wissenschaftliche
Kategorien einzuzwängen, und wir sollten auch einfach leben und es genießen.
Gute Idee!
Heinz