Uwe Timm
Wieviel Erde braucht der Mensch ?
Veröffentlicht in: SKLAVEN N° 40

Anmerkungen zum Text der "Glücklichen Arbeitslosen"
In seiner Erzählung "Wieviel Erde braucht der Mensch?" beschreibt Leo Tolstoi einen Bauern, der immer mehr Land besitzen wolte und sich daher ins Baschkirenland begab, um dort für sein Geld möglichst viel Land zu erwerben. Aber die Baschkiren wollten ihr Land nicht einfach verkaufen, sie machten eine Bedingung: "Wir verkaufen nur nach Tagen. Soviel Land du an einem Tage umschreiten kannst, ist dein, und der Preis für einen Tag ist tausend Rubel." Aber, so wurde es dem Bauer Pachom erklärt, sein Geld wäre verfallen, käme er nicht an den Platz zurück, von dem er ausgegangen sei. Pachom nahm dieses Angebot an; er machte sich am frühen Morgen auf den Weg, um bis zum Sonnenuntergang möglichst viel Land zu umschreiten. Er dachte, so an die fünfzig Werst werde ich wohl an einem Tage zurücklegen können, und so werde ich sicher viel, sehr viel Land für meine 1000 Rubel bekommen. Guten fruchtbaren Boden, Äcker und Wiesen, Pachom lief und rannte bis zur völligen Erschöpfung, um den vereinbarten Punkt bis zum Sonnenuntergang zu erreichen. Mit letzter Kraft erreichte er sein Ziel, ein Baschkir rief noch: "Ach, du Prachtkerl, viel Land hast du dir erworben", aber aus dem Munde von Pachom stürzte das Blut - Pachom war tot. Nun blieb für Pachom nur noch ein Grab, genauso groß wie er war, vom Kopf bis zu den Zehen. Der Bauer Pachom, der viel Land für sich wollte, hatte sich totgelaufen, genauso wie sich Menschen totarbeiten, wenn sie sich in ihrer Arbeit verschleißen, sich selbst unter Druck setzen, um noch diese oder jene Position zu erreichen, ständig konsumieren müssen, um sich auch eine scheinbare Akzeptanz bei ihren Mitmenschen zu verschaffen, womit sie sich dann einen Herzinfarkt, ein Magengeschwür, einen frühen Tod einhandeln. Ebenso kann die Arbeit an einem Stahlkocher, ein jahrelanges Abrackern auf dem Bau Invalidität, den frühen Exitus bedeuten.
In diesem Sinne müssen sich die "Glücklichen Arbeitslosen" nicht rechtfertigen, brauchen auch gar nicht zu begründen, warum ihnen "Arbeit" zuwider ist, sie in Unabhängigkeit von jeglicher Mühsal und Plage leben wollen. Diese Menschen sind in ihrem Selbstwertgefühl nicht getroffen, ihnen wurde in der Zeit ihrer Arbeitslosigkeit bewußt, die Möglichkeiten der "freien Zeit" für sich kreativ zu nutzen. Sie werden sich auch nicht in Trauer stürzen, weil die einen mehr, die anderen weniger haben. Überdies ist auch Armut ein sehr relativer Begriff. Ein Indianer, der noch sein Land besaß, aber keinen Mercedes, war ganz sicher nicht unglücklich. Der bewußte Mensch wird mit Tucholsky sagen: "Jedes Glück hat einen kleinen Stich. Wir möchten soviel: Haben. Sein. Und gelten. Daß einer alles hat: das ist selten."
Zur "marxistischen Ideologie" gehörte der "Arbeitszwang", die "Arbeitslager" und auch eine scheinbare Vollbeschäftigung in den kommunistischen Staaten, wobei es sich auch um eine gewisse Form "glücklicher Arbeitslosigkeit" handelte, denn gemessen an der Produktivität, den erzielten volkswirtschaftlichen Daten, waren die erbrachten wirtschaftlichen Leistungen offenbar gering. Daß sich die Menschen an die Unfreiheit gewöhnt hatten, und daran, daß Partei und Staat ihnen das Denken abnahmen, zeigt eine gewisse Nostalgie, aber der Versorgungsstaat scheiterte auch ökonomisch und hinterließ eine bankrotte Wirtschaft. Der älteren Generation in der früheren DDR sei es gegönnt, aber sie wurde Nutznießer der Beitragszahlungen westlicher ArbeitnehmerInnen, kann daher etwas von der Welt kennenlernen, was ihr sonst kaum möglich gewesen wäre. Höhere Arbeitslosenquoten im Osten haben auch, von anderen Ursachen abgesehen, mit dem früheren System zu tun, was gerne ignoriert wird. Christen empfinden Arbeit als Religion ("ora et labora") Arbeit als die ethische Pflichterfüllung im menschlichen Dasein. Im Dritten Reich wurde die "Arbeit" verherrlicht, wurden "Arbeitslager" für angeblich "Arbeitsscheue" eingerichtet, gab es - wie im Kommunismus - Zwangsarbeit. Darin unterscheidet sich eine libertäre Weltanschauung von den "ideologische Anmaßungen": In der libertären Tradition findet sich keine Verherrlichung der Arbeit, weder als Religion noch als ein Muß, lediglich als Akzeptanz einer Basis der materiellen Existenz von allen. Freiheit der Arbeit, Befreiung der Arbeit vom Wucher, von der kapitalistischen Ausbeutung, ökonomische Unabhängigkeit als Voraussetzung für die Verwirklichung der individuellen Freiheit - all das charakterisiert den libertären "Arbeits"-Begriff. Das Individuum wird nur entsprechend seinen Bedürfnissen arbeiten, mehr oder weniger, aber niemals zu Lasten anderer. John Henry Mackay schrieb sehr treffend: "Arbeit: die Menschen sind ja völlig wahnsinnig geworden. Das Arbeitsfieber hat sie ergriffen... Leben? Zum Leben ist keine Zeit mehr da. Ich lobe mir dagegen die Freiheit, die mir gestattet, in ihr ein arbeitsames oder ein faules Dasein zu führen. Beides erlaubt die Freiheit (wenn auch das letztere nur in einem immerhin etwas begrenzten Maße)."
Menschen, die sich nicht betätigen, weder intellektuell noch physisch, ihrem Leben keinen Sinn geben, es nicht zu schätzen wissen, verzichten auf eine Entwicklung zur selbst- bewußten Persönlichkeit. Nur wer sich selbst bejaht, wird auch andere Menschen akzeptieren. Menschen werden von Emotionen beherrscht, positive und negative. Wer nur sieht, was andere sind, haben oder sein werden, empfindet Haß, Neid, Mißgunst. (Dergleichen ist durchaus nicht ungefährlicher als eine miese Arbeit.) Den "Glücklichen Arbeitslosen" wird niemand ihr Glück verwehren, aber auch in ihren Texten findet sich Frustration, ein seitenlanges Ringen um eine Anerkennung, die sie glauben für sich selbst finden zu müssen. Sozusagen eine beachtliche Arbeitsleistung, aber ihr Text ist auch ein Dokument der Selbstaufgabe, der Resignation vor einem Kapitalismus, den sie mit ihren Forderungen nicht beeindrucken können.
Aber sie wollen sich von den Arbeitslosen, die nur in den Tag hineinleben, sich nicht artikulieren, auch bei keiner Demonstration zu finden sind, durch eine scheinbare Provokation unterscheiden. Immerhin wird von ihnen "Glückliche Arbeitslosigkeit" nicht als bloße Utopie, sie wird im Sinne ihrer VerfechterInnen als eine tätige und ernste Aufgabe verstanden.
Diese "Glücklichen Arbeitslosen" wollen "arbeiten", auch dafür sorgen, daß "Arbeitslose" den Wert der Muße erkennen, sie die einmalige Alternative nutzen, selbst ein kreatives Leben zu leben. Freilich eine Erkenntnis, wonach schon viele BundesbürgerInnen leben, insoweit diese kaum noch bereil sind, wie der Bauer Pachom durchs Leben zu rennen, um noch dieses und jenes zu haben oder erreichen zu wollen. Hier hat sich, besonders in der jüngeren Generation, ein begrüßenswerter positiver Wertewandel schon längst vollzogen.
Der Amerikaner Jeremy Rifkin erteilte der Bundesrepublik Deutschland dieses Lob: " Die Deutschen sollten sich gratulieren. Sie haben nach dem zweiten Weltkrieg die fortschrittlichste, humanste Gesellschaft der Welt aufgebaut."
Rifkin meinte den Lebensstandard, kurze Arbeitszeiten, lange Urlaubszeiten, hohe Ein-kommen und damit ein - aus seiner Sicht - äußerst erfolgreiches Leben der Deutschen. Eine leistungsfähige Wirtschaft war und ist auch die Grundlage für soziale Leistungen.
Bei den alten Griechen, vielleicht war Aristoteles ein glücklicher Mensch? beanspruchten die Herren für sich die Muße, wollten ihren Neigungen leben, während die Barbaren körperliche Arbeit zu leisten hatten. Arbeitende Menschen mußten sich kürzere Arbeitszeiten erkämpfen, selbst wenn man einräumen muß, daß eine Grundvoraussetzung hierfür die Nutzung der Technik war.
Leider verbreiten die "Glücklichen Arbeitslosen" in ihrem Text auch Klischees, haben anerzogene Vorurteile nicht überwunden, orientieren sich an gewissen Halbwahrheiten, Zerrbildern - fatalerweise wie einst Eduard von Schnitzler im DDR-Fernsehen.
Eduard von Schnitzler verstand sich in seinem "Schwarzen Kanal" auf Schattenseiten, identifizierte damit die gesamte bundesdeutsche Gesellschaft, sah diese nur als ein armseliges Opfer des Kapitalismus. Wer aus einer Realität nur einige Punkte ausklammert, weil sie in sein ideologisches Konzept passen, verfälscht diese und verhindert Kennt-nisse, die zum Verstehen und zur Bewältigung der ganzen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realität notwendig sind. In den Pfandhäusern von London kannte sich Karl Marx gut aus, aber selbst die bittersten Erfahrungen brachten ihn nicht dazu, sich mit der Geldfrage, den Vorteilen der Geldbesitzer, intensiver zu beschäftigen, als es in seinem Werk der Fall war. Der Befreiung vom Kapitalismus, auch vom Arbeitszwang, ja gar einem Weg zur Muße in der eigenen freien Entscheidung waren diese Defizite nicht sehr dienlich.
Da es in der BRD einen Arbeitszwang nicht gibt, freilich immer noch eine staatliche Reglementierung, wogegen sich die "Glücklichen Arbeitslosen" berechtigt wehren, ist die Frage "Arbeit" oder "Muße" eigentlich gar kein Thema, denn niemand wird zur Arbeit gezwungen.
Durch Automation und Rationalisierung werden Arbeitsplätze eingespart, in einigen Bereichen auch neue geschaffen, aber Technisierung ist nicht die Hauptursache einer kapitalistisch-staatlich bedingten Erwerbslosigkeit. Gerade weil diese Ursachen nicht erkannt und beseitigt werden, wozu auch die Finanzierung der Kapitalkosten gehören, sind es genau diese Ursachen, warum manche Betriebe in einer verstärkten Rationalisierung eine Kostenerleichterung suchen. Wenn in Hamburg Parks verwildern, öffentliche Einrichtungen geschlossen werden, Lehrer keine Anstellung finden, obwohl dringend gebraucht, geht das nicht zu Lasten der neuen Technologien. Die sogenannte Arbeitslosenquote läßt sich nicht mit der jeweiligen Anzahl von Industrierobotern begründen. In Japan kamen auf 10 000 Beschäftigte 338 Roboter, in Singapur 112, in Schweden 92, in der BRD gerade 69. Trotz hoher Arbeitslosigkeit besteht ein akuter Bedarf an qualifizierten MitarbeiterInnen. Dies namentlich im Bereich der Printmedien, der Datenverarbeitung - besonders groß ist gegenwärtig die Nachfrage nach CAD-Spezialisten (Computer Aided Design). Beim Einwand, das wäre nur etwas für "Qualifizierte" wird übersehen, daß es in den Städten/Gemeinden genügend notwendige einfache Arbeitsplätze gibt, die schlicht aus Kostengründen nicht besetzt werden (Staatsverschuldung, Zinskosten). Die Argumentation, Maschinen seien generell schuldig an der Arbeitslosigkeit, wurde mit einer gewissen Vehemenz schon immer vertreten, worüber sich die Nutznießer des Kapitalismus freuen können: Nicht der Kapitalismus (Privilegien auf Zahlungsmittel, Geld-und Bodenmonopol) sei schuldig, sondern die Technisierung. Genauso einfältig wie die These, gäbe es weniger Ausländer im Lande, hätten die Deutschen mehr Arbeit.
Merkwürdigerweise standen die Linken mit der Technik schon immer auf Kriegsfuß, und leider haben sie auch erhebliche Probleme mit der Ökonomie und der Soziologie. Das hängt wohl damit zusammen, daß die linken Ideologen statisch denken, nie dynamisch und schon gar nicht differenziert.
Einige Beispiele mögen das verdeutlichen: "Dieses Gefühl von Nützlichkeit gibt es in 95% aller Jobs nicht mehr. Der "Dienstleistungs"-sektor beschäftigt nur Dienstboten und Computeranhängsel, die keinen Grund haben, stolz zu sein. Selbst ein Arzt fungiert nur noch als Handelsvertreter der pharmazeutischen Konzerne. Wer kann von sich noch behaupten, er mache sich nützlich... Alleiniges Ziel jeder einzelnen Arbeit ist, den Gewinn des Unternehmens zu steigern und ebenso ist auch alleinige Beziehung des Arbeites zu seiner Arbeit sein Gehalt..."
Wenn die "Glücklichen Arbeitslosen" behaupten, es würde in 95% aller Jobs kein Gefühl von Nützlichkeit mehr geben, so ist das ihr Bild, nur es deckt sich nicht mit der ganzen wirtschaftlichen Realität. Die Zahl der "interessanten und auch nützlichen Berufe" wurden seit der Jahrtausend-wende nicht weniger, sondern diese Zahl ist gestiegen (besonders für Frauen), und dieses in fast allen Bereichen. Auch arbeitet die Mehrheit der Arbeitnehmer keineswegs in den großen Betrieben (Mercedes usw.), sondern im Handwerk, in den mittelständischen Bereichen. In der BRD arbeiten 6,1 Mio. Menschen im Handwerk. Es mag Ärzte geben, die sich nur als "Handelsvertreter" der pharmazeutischen Konzerne verstehen, aber das ist nicht die Normalität, weil es auch verantwortungsvolle Ärzte gibt, bemüht, mit den neuesten Kenntnissen (alternative Medizin, Ernährung, Psyche) Menschen zu helfen, zu heilen. Die Moderatorin bei einem Fernsehsender, die Pilotin bei der Lufthansa, die Redakteurin bei einer großen Zeitung, die Dolmetscherin, die Fremdsprachenkorrespondentin, die Krankenschwester, sie alle denken nicht von sich, unnütz zu sein. Wissen aber zu leben, betrachten keineswegs Arbeit als den einzigen Sinn in ihrem Leben. Freizeit besitzt einen hohen Stellenwert, unabhängig von sonstigen Ansichten. Es gibt miese Chefs, schlechte Arbeitsbedingungen usw., aber eben auch nicht als Regel. In zahlreichen Betrieben herrscht sogar ein gutes Betriebsklima, werden Leute keineswegs schikaniert, werden Mitbestimmungsrechte durch die Belegschaft, Betriebsräte wahrgenommen. Es ist ein Grundirrtum der "Glücklichen Arbeitslosen", sie müßten die Arbeitswelt als "Ganzes" schwarzmalen, um damit ihre "glückliche Arbeitslosigkeit" zu begründen oder zu rechtfertigen.
Es gibt sicher Arbeiter, deren Beziehung zur Arbeit nur das Geld ist, aber es gibt Handwerker, Zimmerer, Installateure, wie es auch Ingenieure/Konstrukteure gibt, denen wohl die Bezahlung wichtig ist, die aber keineswegs ausschließlich am Geld interessiert sind.
Ein Betrieb, der keinen Gewinn macht, besitzt weder die Mittel für notwendige Investitionen noch für soziale Leistungen. Gewinn wird nicht nur fälschlich negativ betrachtet, sondern auch hier fehlt offenbar noch jedes Verständnis für eine notwendige Differenzierung. Gewinn und Kapitalerträge sind grundverschiedene Dinge. Kapitalkosten muß ein mittelständisches Unternehmen (dieses haben die "Glücklichen Arbeitslosen" als Sponsor anvisiert), ebenso Steuern, Sozialversicherungsbeiträge, auch dann zahlen, wenn es überhaupt keinen Gewinn macht. In dieser Frage sind die Banken gnadenlos, ebenso der Staat. Der Gedanke, Anteile vom Kapitalertrag zu verlangen, geht schon eher in die richtige Richtung, nur ist in dieser Frage die Ursache wesentlich, die in einem falschen Geldsystem (Geldmonopol) liegt und die gesamte Wirtschaft mit ständig steigenden Kapitalkosten belastet. Daß aber Mehrwert aus der Zirkulationssphäre entsteht, dem Geld-Kapitalmarkt, hatte Marx ignoriert: "Die Zirkulation oder der Warenaustausch schaffen keinen Mehrwert." Weil es immer Arbeit geben wird, auch eine Automation uns davon nicht befreien kann, bleiben auch die "Glücklichen Arbeitslosen" immer von den Arbeitsleistungen der "arbeitenden Menschen" abhängig. Ihre vereinfachte Formel, möge doch der Staat gut für uns sorgen, steht in einem Konflikt mit der ökonomischen Realität: Der Staat ist nämlich pleite. Und dieser Staat wird, besonders wenn sich 1998 eine große Koalition durchsetzen läßt, ziemlich unpopuläre Maßmahmen treffen: Kürzung der Bezüge für Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose und Rentner. Mit höheren Abgaben und Steuern sind die Arbeitenden nämlich nicht mehr einverstanden. Junge Leute klagen bereits beim Bundesverfassungsgericht, weil sie die hohen Beiträge für die "staatliche" Rentenversicherung nicht mehr bezahlen wollen. Und die "Glücklichen Arbeitslosen" wollen doch wohl auch, daß die "ArbeiterInnen" in ihren Leistungen sehr arbeitssam, zuverlässig und vor allem auch sehr tüchtig sind. Oder möchten sich "Glückliche Arbeitslose" von einem untüchtigen Arzt operieren lassen, die defekte Gasheizung oder das Auto einem Pfuscher zur Reparatur überantworten? Wenn sie sagen, sie würden keine Lohnarbeit suchen, ist das eine sehr mißverständliche Aussage, denn was läßt sich gegen eine gute Lohnarbeit einwenden (der volle Arbeitsertrag war einmal eine Grundforderung des Sozialismus), wenn es für die LohnarbeiterInnen ein gutes Einkommen bedeutet?
Wer macht was, wenn alle "glücklich arbeitslos" sind? Arrogante Mißachtung für alle Menschen, die in der Landwirtschaft, im Handwerk, in den ständig erforderlichen Dienstleistungen, Schulen, Krankenhäusern, Verkehr, Energie, Sielbau, Sanitäranlagen, auch Forschung, Wissenschaft, Enwicklung, kontinuierlich ihre Arbeitsleistungen einbringen, auch wenn ihnen ihre "Arbeit" sicherlich häufig zum Halse raushängt? Derjenigen immerhin, von denen die "Glücklichen Arbeitslosen" wohl erwarten, daß jene dummen "Spießer" sie mit Subsidien, entspringend aus Überschüssen ihrer "Dummheit" (sprich: Arbeit), durchfüttern, weil ja auch ein "Glücklicher Arbeitsloser" nicht allein von Liebe, Luft und Sonnenschein leben kann (eine Haltung, die wohl eher in einen sozialistischen Versorgungsstaat passen würde als in eine nach libertären Grundsätzen funktionierende Gesellschaft, die die Eigenverantwortlichkeit und Eigeninitiative eines jeden fordert - mehr fordert als jede staatliche Zwangsordnung, deren Ketten ja, wie die geschichtliche Erfahrung lehrt, immer auch einen gewissen Halt bieten?
Nun sollte die "Glücklichen Arbeitslosen" niemand daran hindern, sich selbst zu organisieren, aber dazu gehört das Eintreten für ein "selbstbestimmtes Leben", wobei nicht sicher ist, ob sie sich in dieser Frage, wie es häufig bei den Linken der Fall ist, nicht selbst überschätzen. Forderungen an andere, auch an Institutionen zu stellen, ist immer die einfachste Sache. So heißt es im Text: "Wenn der Arbeitslose unglücklich ist, so liegt das nicht daran, daß er keine Arbeit hat, sondern daß er kein Geld hat... Wie wir sehen werden, bietet der "Glückliche Arbeitslose" an, diesen Mangel durch die Suche nach unklaren Ressourcen auszugleichen..." Nun wird, wie erwähnt, das kapitalistische Geldsystem gerade von den Linken überwiegend unkritisch akzeptiert, damit auch das "leistungslose" Einkommen aus der Kapitalverzinsung, weshalb es nicht ohne Pikanterie ist, wenn die "Glücklichen Arbeitslosen" an einem System beteiligt werden möchten, das bedingt durch eine einseitige Kapitalanhäufung die Reicher reicher, die Armen ärmer macht. Ihnen ist auch nicht klar, daß selbst der Besitz von Aktien breit gestreut ist, auch ArbeitnehmerInnen Aktionäre sind, die wesentliche Gewinne durch den spekulativen An- und Verkauf erzielt werden. Sie möchten von einem mittelständischen Unternehmer adoptiert werden, bei dem sie allerdings keine Lohnarbeit leisten würden, von wegen der "Ausbeutung", der ihnen aber das nötige Geld für ein glückliches Leben zahlen soll. Eine Grundkenntnis fehlt den "Glücklichen Arbeitslosen" leider völlig: Produktion und Distribution können niemals ohne Angebot und Nachfrage, ganz und gar nicht ohne das Kostenprinzip wirtschaftlich funktionieren. Denn in der Endlichkeit der Ressourcen läßt sich jede Vergeudung und jedes Schmarotzertum nur mittels des Kostenprinzips unterbinden. Der Sozialismus marxistischer Prägung ist auch daran gescheitert, weil es ein funktionsfähiges Preissystem nicht gab, die Arbeitsproduktivität niedrig war, Anreize zu einer sparsamen (ökologischen) Wirtschaftsführung ausgeschaltet waren, es keine Trennung gab zwischen den Produzenten und Konsumenten, damit auch keine zwischen den Faulen und den Fleißigen. Auch der gutbezahlte Facharbeiter, der für seinen Lebensstandard die Ausbeutung der "Dritten Welt" nutzte, wird im Rahmen einer Globalisierung seine Ansprüche reduzieren müssen. Wie immer auch eine soziale "Grundsicherung" (unabhängig von einer alternativen Wirtschaftsordnung) diskutiert wird, diese ist abhängig von einer möglichen wirtschaftlichen Gesamtleistung, wird sich daher unterhalb der durchschnittlichen Arbeitseinkommen bewegen. Auch der Anteil aus der Bodenrente wäre abhängig von den Pachterlösen, die erwirtschaftet werden müssen. Berechtigterweise wird von den "Glücklichen Arbeitslosen" die staatliche Bürokratie bei der Auszahlung von "Sozialgeldern" unter Beschuß genommen. Nicht von ungefähr hat der Ökonom Milton Friedmann (von den Linken oft gescholten, aber alles haben diese wohl nicht gelesen) die Auffassung vertreten: Die Armen-Gelder gehen vor allem für die Gehälter drauf, die unsere hochbezahlten Krieger im Kampf gegen die Armut beziehen. Im Sozialstaat bestimmen die Beamten, was für die Armen gut ist. Dieser Zustand der Entmündigung sei zu beseitigen. Nach Friedmann sollte die "öffentliche Fürsorge" im Interesse der Bedürftigen effizienter geregelt werden, dafür sollte eine Negativsteuer eingeführt werden und Menschen, deren Einkommen unterhalb einer festgesetzten Grenze liegt, erhalten vom Finanzamt einen Bargeldzuschuß, worüber die Empfänger frei und ohne jede Einmischung des Staates verfügen können. Eine "glückliche Arbeitslosigkeit" ist für jene, die staatliche Privilegien genießen, über genügend angelegtes Kapital verfügen (das sich an jedem Tag verzinst) oder ein Erbe verbrauchen, tägliche Realität. Dazu gehören pensionierte Politiker ebenso wie "verdiente" Beamte. So gibt es Wohlstandsarbeitslose schon lange, dazu gehört auch die gegenwärtige Erbengeneration und diese besitzt gute Aussichten, wenn man bedenkt, daß allein in Deutschland in den nächsten Jahren rund eine Billion Mark (!) in Geld- und Sachwerten vererbt wird.
Gute Zeiten, sonnige Zeiten, aber von den Wohlstandsarbeitslosen auf Mallorca ist da weniger Gutes zu hören:
"Das Einerlei der Sonnentage...werde nur noch durch die Wahl der Alkoholica variiert. Morgens Cognac, mittags Weißwein, abends Rotwein, dazwischen die Hausbar. Hinter vorgehaltener Hand wird die Geschichte eines Architekten erzählt, den der Glücksakkord aus Sonne, Wein, Finca und Total-Freizeit vor ein paar Wochen direkt in die geschlossene Anstalt führte..." (Spiegel Nr.33 / 11.8.97) Diese Menschen, die ihre Eltern beerben, von denen nicht wenige sich tatsächlich totgearbeitet haben, nur damit es der Nachwuchs mal besser haben sollte, besitzen keine Weltanschauung, kein politisches Bewußtsein, sie zeigen uns aber, daß Menschen, die sich selbst als lebendiges Individuum nicht schätzen, keine kreative Existenz begründen, Alternativen, die das Leben, ein einmaliges Geschenk für jeden Menschen, jedem von uns bietet, nicht wahrnehmen, sich selbst zerstören. Das Recht auf eine "glückliche Arbeitslosigkeit" ins Gespräch zu bringen, ist mehr als zu begrüßen, aber diese Visionen sollten nicht mit einer Kapitulation vor dem Kapitalismus verbunden werden
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WIEVIEL ZWERGE BRAUCHT EIN SCHREBERGARTEN?

Anmerkungen zu Uwe Timms Anmerkungen zu den Glücklichen Arbeitslosen
Veröffentlicht in: SKLAVEN N° 41, Okt. 1997

"Für Bakunin waren die Deutschen geborene Sklaven. Er kannte sie seit 1848 und sein revolutionärer Instinkt täuschte ihn nicht. Wahrlich revolutionär, nämlich von Leib und Seele, waren für ihn die Völker, die fähig sind, die Errungenschaften der Zivilisation nicht bewundernd anzugaffen, sich vor dem materiellen Fortschritt nicht nierderzuwerfen und den religiösen Respekt vor bourgeoisem Privatbesitz von sich abzuwenden; die Völker, die durch den kapitalistischen Geist noch nicht völlig verdorben sind und es wagen, der Freiheit einen höheren Stellenwert einzuräumen als dem Reichtum." (Franz Borkenau, Spanish Cockpit)
So sehr gemäßigt und differenziert in seinem Urteil war er nicht, der Großvater des Anarchismus, und ihn würde es sicherlich wundern, in Deutschland heute noch Enkel vorzufinden, von denen sich manche allerdings auf ein sehr reformiertes Bekenntnis berufen, einen Anarchismus "light", der mit dem Extremismus Durrutis oder gar Pougets (geschweige denn Ravachols) kaum gemeinsames hat. Also ist Uwe Timm ein Anarchist, der sich für die humane und leistungsfähige deutsche Wirtschaft begeistern kann, ein Anarchist der sich freut, daß es heutzutage so viele interessante und nützliche Berufe gibt, mit netten Chefs, gutem Betriebsklima und Mitbestimmungsrecht, ein Anarchist der die Meinung vertritt, sich nichts "gegen eine gute Lohnarbeit einnwenden" ließe (1). Wenn eine solche Gesinnung der "libertären Weltanschauung" immer noch entspricht, dann kann man annehmen, daß es in Deutschland Millionen von Anarchisten gibt, obwohl sie es noch nicht selbst wahrgenomen haben. Immerhin hat Timm eines von seinen Ahnen geerbt: da die Glücklichen Arbeitslosen nicht ganz in seinen Rahmen passen, wittert er dahinter sofort ein Manöver des Erbfeindes, d.h. der marxistischen Linken. Es mag sein, daß andere Glückliche Arbeitslose die Sache anders als ich betrachten, auf jeden Fall möchte ich feststellen, daß ich mit Stalin nicht im entferntesten verwandt bin und daß ich mit den Ritualen, der Humorlosigkeit, der Mythensucht und der ideologischen Engstirnigkeit derjenigen, die sich üblicherweise als "Linke" verstehen, nichts am Hut habe. GenossInnen? Genießer sind mir lieber, und Genießerinnen natürlich auch. Wobei ich als Nichtsektierer eben auch nicht prinzipiell Antilinker bin und meinen geistigen Honig sowohl aus Marxisten als auch Anarchisten, Buddhisten, Sadisten, Internisten und anderen Isten zu sammeln vermag.
Leider ist es weder das erste, noch das letzte Mal, daß den Glücklichen Arbeitslosen vorgeworfen wird, sie machten sich über die Arbeitenden lustig, bzw. äußerten ihnen gegenüber eine "arrogante Mißachtung". Also muß noch einmal betont werden: Soweit ich weiß, gibt es heutzutage noch keine "reine" Arbeitslosigkeit, die von der Arbeiterwelt völlig abgetrennt ist, ab und zu müssen wir auch arbeiten, ab und zu sind wir auch unglücklich. Daher wäre es undenkbar, sich als eine Art "Arbeitslosenaristokratie" zu begreifen. Da ich die Vielfalt der Erfahrungen bevorzuge, bin ich nicht einmal "gegen die Arbeit": Wenn es tatsächlich arbeitsfreudige Menschen gibt, warum sollte ihr Glück versaut werden? Übrigens zählen zu unseren Sympathisanten auch Menschen, die ihre eigene Arbeit mögen, jedoch die Möglichkeit einer glücklichen Arbeitslosigkeit für andere, die sie sich wünschen, unterstützen. Freilich gibt es noch mehr, die ihren Job erst gar nicht als eine "Entwicklung zur selbstbewußten Persönlichkeit" schätzen, und die auf der Suche nach besseren Möglichkeiten sind.
Um das "Gefühl von Nützlichkeit" zettelt Timm einen schlechten Streit an. Da wir eben von Gefühl reden, entspricht das natürlich nur unserem Bild. Wir beanspruchen nicht die Gefühle der ganzen Menschheit. Der Polizist, der das Gesindel tüchtig niederknüppelt, hat bestimmt auch das Gefühl, er mache sich dabei nützlich. Ohne Sklaven, die dienstgeil, gefühls- und verantwortungsvoll arbeiteten, hätte das römische Reich sicherlich nicht so lange existieren können.
Nicht das Gefühl ist die entscheidende Frage, sondern Sinn und Inhalt. Zum Beispiel das immerwährende Erzeugen von künstlichen Bedürfnissen (das alte Auto das keinen TÜV mehr kriegt, das neue Computerprogramm, das aber einen neuen Computer benötigt usw.), das aus uns allen Konsumjunkies macht, die folglicherweise einen Dealer "brauchen". Dazu kommt das Verschwinden der Qualität durch die Diktatur des Quantitativen in bezug auf jedes Angebot (Wohnhäuser, Dienstleistungen, Nahrungsmittel, Unterhaltung, anarchistische Texte). Schon ein gutes Essen vorbereiten zu können ist heute ein beinah subversiver Akt geworden, da es Geschmack, Zeit und einen Zugang zu ungefälschten Produkten erfordert, drei Dinge, die aus der Marktwirtschaft zunehmend ausgeschlossen sind.
Für jemanden, der sich so "kritisch" gibt wie Uwe Timm, finde ich es merkwurdig, daß er den Inhalt des Arbeitsprozesses unberührt läßt und noch dazu die übliche, gehdochnachdrüben-ähnliche intellektuelle Erpressung anwendet, alle möchten doch lieber von einem tüchtigen Arzt behandelt werden. Ebenso hätte sein Argument heißen können: "...Und die Glücklichen Arbeitslosen wollen auch, daß die Nutten in ihren Leistungen sehr arbeitsam, zuverlässig und vor allem auch tüchtig sind. Oder möchten sich Glückliche Arbeitslose von einer untüchtigen Nutte wichsen und blasen lassen?" Dabei hätte er auch das Wesentliche verfehlt. Die Nutte ist nicht nur vom Kapitalismus abhängig, indem sie meistens einem Zuhälter untertan ist, vom Staat schikaniert und nicht mit Schwundgeld bezahlt wird, sondern auch weil sie unter Zeitdruck (ohne die Möglichkeit dieser schönen und nötigen Verschwendung namens Erotik) und unter Gelddruck (egal ob sie Lust dazu hat oder nicht) arbeiten muß. Hingegen streben die Glücklichen Arbeitslosen nach Spaß umsonst und unbegrenzt.
Obwohl niemand bestreiten kann, daß die Prostitution eine besonders nützliche Branche des Dienstleistungssektors darstellt (mit immer steigender Nachfrage), wird Timm sicherlich wieder denken, ich nähme "undifferenziert" extreme Beispiele. Er redet eher von der "Normalität", z.B. von der " Moderatorin bei einem Fernsehsender". Aber ist die Sache da wirklich so anders? Kein arroganter Arbeitsloser war es, sondern John Swinton, Chefredakteur der New York Times, der seinen Ex-Kollegen auf einen "Toast auf die unabhängige Presse" anläßlich seiner Pensionierung erwiderte: "Sie wissen, wie ich weiß, daß es keine unabhängige Presse gibt. Keiner unter Ihnen würde es wagen, seine wahre Meinung zu schreiben, und wenn einer es täte, dann würde sie sowieso nie veröffentlicht werden. Derjenige, der dumm genug wäre, eine Wahrheit zu auszusprechen, würde gleich auf die Straße geworfen, wo er um einen Job betteln müßte. Die Funktion eines Journalisten besteht darin, die Wahrheit zu vernichten, radikal zu lügen, zu pervertieren, zu erniedrigen, Mammon zu Füßen zu kriechen, und für sein tägliches Brot, bzw. für seinen Lohn sich selbst zu verkaufen. (...) Wir sind die Werkzeuge und die Untertanen von reichen Männern, die hinter der Bühne kommandieren. Wir sind ihre Marionetten, sie ziehen die Drähte und wir tanzen. Unsere Zeit, unsere Fähigkeiten, unsere Möglichkeiten, ja unser Leben besitzen diese Männer. Wir sind intellektuelle Huren."
Um so zu empfinden, braucht man nicht arbeitslos zu sein. Ich glaube aber, daß Uwe Timm nicht als Arbeiter sondern als Dogmatiker die Existenz der Glücklichen Arbeitslosen ein Dorn im Auge ist. Nur ein Dogmatiker drückt sich so aus: "Nun sollte die Glücklichen Arbeitslosen niemand daran hindern, sich zu organisieren, aber..." und dann kommen die Bedingungen, die eingehalten werden müssen. Oder: "Die Frage 'Arbeit' oder 'Muße' ist eigentlich gar kein Thema, denn niemand wird zur Arbeit gezwungen". Wer ist Uwe Timm zu entscheiden, welche Frage ein Thema oder kein Thema sein darf? Den Arbeitszwang kann sich der Politanarchist nur in Form eines geißelnden SS-Mannes oder Volkskommissars vorstellen. Freilich wird in unserer schönen Demokratie niemand mit der Peitsche gezwungen, seine Miete, seine Fahrkarte, sein Essen, seinen Alk und anderes zu zahlen, auch niemand wird gezwungen zu überleben, es sind genug Knäste und Friedhöfe für alle da. Allerdings ist die aktuelle Frage, daß immer mehr Menschen zur Arbeitslosigkeit gezwungen sind, ob sie es wollen oder nicht. Und wenn keine Arbeit vorhanden ist, dann lieber versuchen, die Muße zu genießen, als verzweifelt gegen Windmühlen anzukämpfen. Erfreulicherweise scheint sich diese Vorstellung peu à peu durchzusetzen, was u.a. der jüngste Erfolg von Viviane Forresters Buch andeutet .(2) "Die Arbeitslosigkeit ist deshalb das größte Problem unserer Zeit, weil die Gesellschaft auf Erwerbsarbeit aufgebaut ist. Die meisten Leute schämen sich für ihre Arbeitslosigkeit, obwohl es für diese Scham keinen Grund gibt (...) Es ist nicht mehr möglich zu sagen, um ein korrektes Leben zu führen, muß man erwerbstätig sein. Das kann man vor allem der Jugend nicht mehr erzählen, weil man weiß, daß die Erwerbsarbeit bereits konfisziert ist. (...) Deshalb brauchen wir andere Lebensinhalte." Die Glücklichen Arbeitslosen sagen nichts anderes.
Da wir beschuldigt sind, nicht dynamisch zu denken, werde ich mich also schnell um Timms Lehrgebäude, die "libertäre Wirtschaftsordnung", in Bewegung setzen, und zwar es mal von vorne, mal von hinten anschauen. Diesseits sieht diese Denkkonstruktion ein für allemal vollendet aus: Abschaffung des Staatsapparats, Schwundgeld, Bodenreform, alles garantiert 100% antikapitalistisch. Nur fehlt noch eine Kleinigkeit für die Verwirklichung: die Weltrevolution, deren möglicher Prozeß in ESPERO so wenig wie überall zu spüren ist (wobei man manchmal den Eindruck bekommt, unsere Anarchoökonomen möchten eher die Kapitalisten überzeugen, sie machten alles falsch). Da die Glücklichen Arbeitslosen die blühende Zukunft der klassenlosen Gesellschaft ein bißchen vergessen wollen, um sich auf ihre Gegenwart zu konzentrieren, werden sie natürlich verdächtigt, vor dem Kapitalismus zu resignieren. Verrat, Verrat, am Proletariat! Dennoch wurde dem langjährigen Arbeiter Timm sicherlich schon von Oberrevoluzzern das ebenso blödsinnige Argument an den Kopf gehauen, die Arbeiter, die für eine Lohnerhöhung statt für die Abschaffung des Kapitalismus streiken, seien resigniert bzw. integriert, ja möchten "an einem System beteiligt werden ..., das die Reichen reicher, die Armen ärmer macht".
Praktisch gesehen kann das Ringen um eine glückliche Arbeitslosigkeit nur empirisch erfolgen. Statt ein fertiges System in den Himmel zu projizieren, sind wir auf der irdischen Suche: Wir schauen uns um, krallen uns eine Gelegenheit hier, probieren eine Möglichkeit da, und sehen, was dann passiert. Scheitert es? Immerhin werden wir etwas davon gelernt haben und diese Erfahrung für ein anderes Experiment anwenden können. In diesem Zusammenhang mögen auch libertärgesinnte Ideen wie Schwundgeld oder Tauschringe gelten, doch eben als empirischer, keineswegs ausreichender Versuch, und nicht als die ultimative Lösung der sozialen Frage. Dabei will ich keinesfalls verneinen, es sei immer den Versuch wert, jenseits der heutigen Umstände zu denken, und da die Weltrevolution anscheinend nicht morgen ausbrechen wird (Bakunin sei Dank, wenn ich mich täusche), riskiert man nicht viel, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Aber eben da, von hinten betrachtet, kommt die "libertäre Wirtschaftsordnung" einem äußerst zaghaft vor. Was sich in dem kapitalistischen Präsent stolz als undurchsetzbar darstellt, sieht in einer nichtkapitalistischen Zukunft, trotz aller Abschaffung der Zinsen und des Abbaus des Staates, dem Kapitalismus nur allzu ähnlich. Gleiche Beschäftigungen, gleiche "ökonomische Realitäten", gleiche Langeweile. Man hätte neue Leidenschaften erwartet und bekommt ein Buchungsgutachten. Ein einfallsreicher Prophet war eingeladen, doch es taucht nur der Dorfpfarrer auf. Meiner Meinung nach liegt ein solcher Mangel an Kühnheit daran, daß diese "Antikapitalisten" immernoch in den Kategorien jenes dominanten Systems denken, das sie angeblich abschaffen wollen. Und da wir gerade auf dieses Terrain keinen Fuß setzen wollen, wird uns die "Selbstaufgabe" zugeschrieben. Angesichts der Reinschrift der frechen Arbeitslosen runzelt der Lehrer Timm seine Stirn, und trägt mit Rotstift seine Randbemerkungen ein: "Klischee", "Zerrbild", "Halbwahrheit". Wir hätten "erhebliche Probleme mit der Ökonomie und der Soziologie", seien "unqualifiziert".Er nimmt nicht einmal wahr, daß wir auf die Kriterien und Maßstäbe solcher "Qualifizierungen" pfeifen.
"Einer der bemerkenswertesten Züge des politischen Anarchismus seit der Aufklärung ist sein Vertrauen in die 'natürliche Vernunft' des Menschen und seine Hochachtung vor der Wissenschaft", schrieb Paul Feyerabend und er fuhr fort, daß "dieses naive, beinahe kindliche Vertrauen" heute durch "zwei Entwicklungen in Frage gestellt" wird: Erstens, daß "die 'normalen' Wissenschaften (...) ein mächtiges Geschäft geworden sind, das das Bewußtsein der in ihm Tätigen beeinflußt. Gute Bezahlung, ein gutes Verhältnis zum Chef und den Kollegen in der Abteilung sind die Hauptziele dieser menschlichen Ameisen. (...) An das menschliche Wohl wird kaum gedacht, ebensowenig an einen Fortschritt, der mehr wäre als eine lokale Verbesserung". (Da treffen wir wieder auf das Verschwinden der Qualität im Arbeitsprozeß, und wohlbemerkt: nicht von einem "unqualifizierten" Arbeitslosen ausgedrückt, sondern von einem Wissenschaftler selbst.) "Die zweite Entwicklung betrifft die angebliche Autorität der Ergebnisse dieses sich immerfort wandelnden Unternehmens. Früher hielt man wissenschaftliche Gesetze für wohlbegründet und unwiderruflich. (...) Heute hat man erkannt, (...) daß die Wissenschaft keine solche Garantie liefern kann. Wissenschaftliche Gesetze können revidiert werden, sie sind oft nicht nur partiell unrichtig, sondern ganz falsch, das heißt sie reden über Dinge, die es überhaupt nicht gibt." (3) Aber wo z.B. die Physiker längst bezweifelt haben, es könnte überhaupt von einer objektiven Realität außerhalb deren Beobachtungsprozesses gesprochen werden, gibt es eine Gattung von "Wissenschaftlern", die über ihre eigenen Grundsätze nie zweifelt, nämlich die Ökonomen. Das obwohl ihr Forschungsfeld alles andere als "natürlich", sondern vollkommen kulturbestimmt ist. Eine "natürliche Wirtschaftsordnung" ist ein Widerspruch an sich. Wo steht in der Natur, daß ein Bier ausgerechnet drei Mark fünfzig kosten soll? Mutet diese Tatsache, wenn man ein bißchen über sie nachdenkt, nicht magischer an als ein indianischer Totem? Nichtsdestotrotz wird von Theo Waigel bis Uwe Timm derselbe Glaube eingehämmert, und zwar:
a) Es gibt eine wirtschaftliche Realität,
b) hat es immer gegeben und wird es immer geben.
c) Sie läßt sich wissenschaftlich erkennen,
d) ist unabwendbar und muß von allen ernstgenommen werden. Amen.
Diese vier Voraussetzungen wollen wir in Zweifel ziehen.
Ein erkenntnistheoretischer Anarchist im Sinne Feyerabends kennt keine absolute Wahrheit, und läßt sich weder von der etablierten Wissenschaft noch von dem "gesunden Menschenverstand" seiner Zeit imponieren. Über die polnischen Romantiker schrieb Norman Davies in seiner History of Poland: "Sie waren nicht weniger realistisch als diejenigen, die sich selbst als Realisten bezeichnet hatten, nur hatten sie eine andere Auffassung von der Realität" (übrigens haben im Fall Polens die Ereignisse mehrmals den Romantikern gegen die Realisten recht gegeben). Ebenfalls ist der allgegenwärtige wirtschaftlische Realismus eine bloße Weltanschauung, die man beliebig annehmen oder ablehnen kann. Um "ökonomische Realitäten" sehen zu können, muß man schon eine ökonomische Brille tragen. Sonst sieht die Welt völlig anders aus.
"Die Menschen haben gelebt, ehe sie den Begriff des Kapitals hatten, und sie werden in der Zukunft ohne den Begriff des Kapitals leben, und es gibt in der jetzigen Zeit noch große Kreise von Völkern auf der bewohnten Erde (und es sind hochzivilisierte Völker) die den Begriff des Kapitals nicht kennen, der beste Beweis, daß Kapital nur ein Glaube, ein Illusion ist."(4) Sterne konnten schon beobachtet werden, ehe es Astronomen gab. "Ökonomische Realitäten" hingegen, und der Begriff Arbeit gehört dazu, wurden gleichzeitig geschaffen und "wissenschaftlich" bewiesen. Für die angeblichen Beweisführungen wurden die Übereinkünfte zurechtgelegt, das nennt sich Tautologie. Was untersucht die Ökonomie? Die Ökonomie selbstverständlich!
Heute hat sich dieser Glaube um so fester verankert, daß er sich als die Überwindung aller üblichen Mythen und Ideologien darstellen kann. Der postmoderne Narr glaubt, daß er an nichts mehr glaubt, dabei beugt er sich vor der sogenannten Unerläßlichkeit der "nackten Tatsachen". Keine Tatsache ist aber nackt, und selbst die Nacktheit ist etwas sehr relatives: Für einen islamischen Fundamentalisten ist eine Frau schon nackt, wenn sie ihre Wade zeigt.
Uns imponiert das Argument der Wirksamkeit dieser sogenannten Realität nicht: Abgesehen davon, daß nichtökonomische Gesellschaften viel länger als "unsere" wirkten, bringt uns jeder neue Tag mehr Gelegenheit, die schöne Wirksamkeit der Ökonomie zu bewundern. Im Namen des Nützlichkeitsprinzips werden immer mehr sinnlose Waren produziert (Tamagoshi für alle), dabei die Grundlagen des Lebens zerstört (Ozon, ade). Die Ökonomie legitimiert sich durch die sogenannte Notwendigkeit der Arbeit, doch ihrer Logik zufolge werden immer mehr Arbeitsplätze vernichtet. Was sich als ein "Kampf gegen die Knappheit" durchgesetzt hatte, hat es letztendlich geschafft, die Mehrheit der Erdbevölkerung in eine unerhörte Knappheit zu führen (Tendenz steigend). Und dieser tödliche Witz verlangt auch noch, ernstgenommen zu werden? Wir lachen uns lieber tot! Egal mittels welcher Begriffe ein Mensch sein Leben gestalten mag, sie werden kaum absurder sein können als diejenigen, die ihn "wissenschaftlich" verdammen. Freilich können wir uns heute noch der Notwendigkeit des Geldes so schwer entziehen wie der mittelalterliche Herätiker dem Scheiterhaufen der Inquisition, was aber nicht beweist, daß diese Kraft die Wahrheit besitzt, sondern nur die Macht. Und wenn die Menschen "anfangen zu wissen, daß ihr Wissen nur ein Glauben ist, wird der Glaube zu Aberglauben und verliert seine Kraft"(5) .
Wahrscheinlich ist es für jemanden, der Kapitalist werden will oder ein Business starten möchte angebracht, ökonomisch qualifiziert zu sein (wobei ein erfolgreicher amerikanischer Bankier einst behauptete: "Ich muß zugeben, daß ich was Geld angeht nichts verstehe"). Man mag auch ökonomische Kategorien benutzen, um das Existierende zu verstehen, bzw. die Widersprüche und verborgenen Mächte zu enthüllen (wobei die Übung an Reiz verloren hat, seitdem die Schlußfolgerung der notwendigen, baldigen Entstehung des Kommunismus nicht mehr glaubhaft gezogen kann). Abgesehen davon sehe ich gar keinen Anlaß, in dem eisigen Gewässer des egoistischen Kalküls mitzuschwimmen. Ich glaube, der Glückliche Arbeitslose sollte sich darauf beschränken, in der alleinigen Absicht ökonomisch zu argumentieren, um der obligatorischen Sinnlosigkeit dieser Denkweise noch mehr Verwirrung hinzuzufügen, anders gesagt mit Ironie, ein Wort daß sich auf Dogmatisch schwer übersetzen läßt. Zum Beispiel, wenn ich lese, daß die französische Regierung im letzten Jahr vierzig Milliarden Francs ausgegeben hat, um fünfzehntausend Arbeitsplätze zu schaffen, denke ich mir, daß sie mit dem Geld eher eine Lotterie hätte organisieren können, um fünfzehntausend Lose von je 2666666 Francs (das sind knapp achthunderttausend Mark) an Arbeitslose zu verteilen, die damit ewigen Müßiggang hätten genießen können.
Hingegen nimmt Uwe Timm all diesen Kram sehr ernst. Wie der Stammtischpolitiker, der seinen Kumpels mühelos mitteilt, was er tun würde, wenn er nur Kanzler wär', spart er keine Spucke zu erzählen, wie unqualifiziert die Wirtschaft heute behandelt wird, und wie vernünftig sie funktionieren würde, wenn wir nur in einer libertären Gesellschaft lebten. Dabei nimmt er alle Gemeinplätze der gängigen Gehirnwäscherei in Kauf:
"Der Staat ist pleite" sagt er, und nicht: Der Staat will für euch arme Arschlöcher keinen Furz mehr ausgeben, viel wichtiger ist es ihm, das Privatkapital aktiv und passiv zu unterstützen, und noch dazu Armee, Polizei, und Regierungsbonzen zu subventionieren.
"Nicht die Automation ist die Ursache von der Erwerbslosigkeit". Jaja, Arbeit gibt es reichlich, sagt auch das Sozialamt, und schickt Sozialhilfeempfänger für drei Mark pro Stunde Friedhöfe pflegen (Timm lamentiert, daß Parks in Hamburg verwildern, es wird leider nicht lange dauern). Wenn aber ein Geldautomat fünf Bankangestellte ersetzt, ist die Ursache ihrer Entlassung ziemlich klar. Glaubt man Jeremy Rifkin (den Timm anerkennend zitiert), werden in einer nahen Zukunft achtzig Prozent der (noch) bestehenden Arbeitsplätze technologisch vernichtet. Übrigens ist die Frage : "Ist die Technisierung oder der Kapitalismus schuld?" ziemlich sinnlos: Die Technisierung wird ausschließlich von der Logik des Kapitalismus bestimmt. Was aber nicht heißt, daß sie unbedingt schlecht sei. Der Glückliche Arbeitslose freut sich, daß immer mehr mechanische und elektronische Sklaven an seiner Stelle arbeiten. Er hat damit kein Problem.
"Wohlstandsarbeitslose" wüßten nichts besseres zu tun, als in Mallorca zu saufen, bis sie in einer geschlossenen Anstalt landen. Das hat Timm im SPIEGEL gelesen, es muß also doch stimmen. Total-Freizeit ist gefährlich (wie ist es mit den sechs Millionen streßleidenden bzw. achzigtausend pharmadrogensüchtigen deutschen Arbeitnehmern?). Schon in Mallorca zu wohnen ist ein Beweis für Geschmacklosigkeit, den kein Glücklicher Arbeitsloser erbringen würde.
"Arbeit wird es immer geben": Wer weiß? Arbeit hat es nicht immer gegeben, die meisten vorkapitalistischen Kulturen besaßen nicht einmal ein Wort für "Arbeit". Man lese ein bißchen Ethnologie, man lese Georges Batailles Aufhebung der Wirtschaft. Bekanntlich kannten die Urvölker Amerikas keine "prekolumbianische Kunst", der westliche Beobachter war es erst, der bestimmte Dinge, die ursprünglich einen ganz anderen Sinn hatten, als "Kunst" charakterisierte. Gleichfalls wurde von Ökonomen ein Teil derselben Kultur willkürlich abstrahiert, um es als "prekolumbianische Wirtschaft" abstempeln zu können. In beiden Fällen diente dieser Mißbrauch dazu, die vorübergehenden Werte des Bürgertums zu verewigen. "Die wissenschaftliche bzw. industrielle Revolution des Abendlandes breitet sich gänzlich über eine Zeitspanne aus, die ungefähr einem halben Tausendstel des vergangenen Lebens der Menschheit entspricht. Man sollte also vorsichtig sein mit der Behauptung, sie sei darauf ausgerichtet, dessen Sinn völlig zu ändern"(6) .
Der Versuch, die Exzesse der Ökonomie mittels einer vernünftigeren ökonomischen Ordnung zu überwinden, kann nur an die protestantische Korrektur des "exzessiven" Katholizismus erinnern. Genauso wie Luther den Papst entthronte und die Heiligkeit Marias abschuf, wollen die Wirtschaftsreformatoren den Staat entthronen und die Zinsen abschaffen. Die Heilige Schrift bleibt aber unverändert. Das Individuum wird weiter schuften müssen, aber nicht zu viel, ökologisch und "niemals zu Lasten anderer". Wie im Protestantismus kommt also die Moral zum Vorschein. Das Gesetz kommt nicht mehr vom Himmel, soll aber verinnerlicht werden. Um das "Ende der Arbeit" zu überwinden, schlägt Jeremy Rifkin ein Sozialeinkommen für Arbeitslose vor, das aber an gemeinnützige Arbeiten im "Dritten Sektor" gebunden wird, wo "auch Leute, die Führungsaufgaben übernehmen können, gebraucht werden. Die Organisationen des dritten Sektors sollten eine ähnliche Abstufung von Berufen, Qualifikationen und Einkommen einführen wie es sie in der Wirtschaft gibt"(7). Kurz gesagt: die Ausbeutung ist tot, es lebe die Ausbeutung! Ähnlich sieht es aus in der Schrift eines Anarcho-Calvinisten aus der Schweiz, von ESPERO co-editiert, der sich für einen "arbeitsfreien Mittwoch" engagiert: "Für die Wirtschaft wäre die Einführung eines freien Mittwochs durchaus zumutbar [...] Ein Teil der verlorenen Arbeitsleistung würde durch frischere Arbeitskräfte am Donnerstagmorgen ausgeglichen"(8) . Sehr antikapitalistisch, wie man sieht... Aber natürlich wäre dieser Mittwoch nicht bedigungslos frei, sondern sollte "für ökologische und soziale Zwecke verwendet" werden, man wird sich also nützlich machen müssen. Nur: Welche anarchistische Obrigkeit wird entscheiden, was und wer diese Zwecke erfüllt oder nicht? Und mit welchen Kriterien? Wenn vier Kumpels ihren freien Mittwoch darauf verwenden, Doppelkopf zu spielen, Doppelkorn zu trinken und Witze zu erzählen, dient das sozialen Zwecken? Wer hat das Recht, das Gegenteil zu behaupten? Und wer weiß, ob dem Typ da, der die ganze Zeit pennt und rumhängt, morgen nicht eine geniale Idee einfallen wird, die die Welt verändern wird? Zeigt die Homöopathie nicht, daß ganz winzige Mengen große Wirkungen haben können? Gerade in dieser konkreten Frage sind sich alle Verfechter der Ökonomie, egal ob kapitalistisch oder antikapitalistisch, einig. Sie wollen Leistungen, Effizienz und Seriosität sehen. Als "gemeinnützig" werden nur die Tätigkeiten begriffen, die die alten Zustände endlos reproduzieren. Nebenbei erwähnt Uwe Timm auch die "Menschen, [...] die in der Forschung kontinuierlich ihre Arbeitsleistungen einbringen". Dabei zeigt er, daß er über die Bedingungen der Forschung (und im allgemeinen jener "Kreativität" von der er so gern redet) wenig weiß. In der Grundlagenforschung werden Menschen (gut) bezahlt, ohne jegliches Ergebnis liefern zu müssen. Sie können unverbindlich erforschern was sie wollen, werden sogar aufgefordert, die zwecklosesten Ideen zu entwickeln, und erst jedes zweites Jahr etwa gebeten, einen Bericht vorzulegen. Dabei wird sogar in Kauf genommen, daß manche ihre Position dazu benutzen, gelassen an einem griechischen Strand den lokalen Wein zu "untersuchen". Letztendlich wird vielleicht ein Forscher unter hundert etwas entdecken, das angewandt werden wird. Trotz alledem werden die übrigen Neunundneunzig nicht als "Sozialschmarotzer" angesehen. Nicht, daß ihr Arbeitgeber (meistens vom Staat subventioniert, der ja eigentlich "pleite" ist) besonders kulant sei, sondern er weiß, daß dies die nötigen Bedingungen sind, um eine einzige, dabei entscheidende Neuigkeit entdecken zu können. Zugunsten der industriellen bzw.militärischen Forschung werden also zweck- und ergebnislose Tätigkeiten unterstützt. Ihrerseits benötigt die soziale Grundlagenforschung der glücklichen Arbeitslosen um so mehr Ruhe und Zwanglosigkeit, daß sie alles vom vorne anfangen muß. Deshalb kann sie nur mittels eines bedingungslosen Sozialeinkommens unterstützt werden.
Rifkin meint, daß das Ende der Arbeit "eine breite soziale Veränderung in Gang setzen und zu einer Wiedergeburt unserer Menschlichkeit führen" könnte. Das wollen wir auch hoffen, und zwar nicht erst in einer fernen Zukunft. Die erste Grundlage dafür ist aber die Fähigkeit, mit der Logik, den Werten, den Hierarchien und den Gewohnheiten der altgewordenen Arbeitsgesellschaft zu brechen.
Guillaume Paoli
P.S. Ich will nicht den Eindruck hinterlassen, ich hätte etwas besonderes gegen Uwe Timm. Wahrscheinlich ist er ein netter Kerl, der auch gute Geschichten zu erzählen weiß.

1: Uwe Timm: Wieviel Erde braucht der Mensch? SKLAVEN Nr 40.
2: V. Forrester: Terror der Ökonomie, München/Wien, 1997. Das folgende Zitat stammt aus einem Interview in derJUNGLE WORLD vom 25.09.97.
3: Paul Feyerabend: Wider den Methodenzwang, Frankfurt a.M., 1986.
4: Wolfgang Forell: Kapital als Aberglaube, 1931 geschrieben, Nachdruck in SKLAVEN Nr 38/39.
5: Forell ebd.
6: C. Levi-Strauss: Race et histoire, Paris, 1952
7: J. Rifkin: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, Frankfurt a.M., 1997.
8: P.M.: Der Arbeitsfreie Mittwoch, für eine planetare Alternative, Bern, 1997.

 

Bedingungslos

Zu Guillaume Paoli
"Wieviel Zwerge braucht ein Schrebergarten"
Veröffentlicht in: Sklaven Nr. 41/97

Seelig sind die, die da geistig arm sind, denn ihnen ist das Himmelreich sicher. Zu meinem Text "Wieviel Erde braucht der Mensch", der in "Sklaven Nr.41" und auch in ESPERO Nr. 10/11 erschien, versuchte sich Guillaume Paoli in einer Rezension, in der er sich freilich kaum mit meinem Text, geschweige den Argumenten auseinandersetzt, sondern versuchte, seinen Frust abzubauen und seine Vorurteile loszuwerden. In einer wahrheitswidrigen Schlußbemerkung meinte Paoli, er hätte nichts gegen Uwe Timm, wahrscheinlich ein netter Kerl, der auch gute Geschichten zu erzählen weiß. Es gibt von mir zahlreiche Publikationen, nur die Zeit für Geschichten hatte ich bisher nicht, aber das kann sich ja noch ändern. Beim Lesen hatte Paoli offenbar erhebliche Probleme, vermochte wohl einige Argumente nicht zu verstehen, weshalb er sich ein Feindbild konstruiert, und Uwe Timm dann zu einem Anarchisten ernennt, der sich für die humane und leistungsfähige deutsche Wirtschaft begeistern kann, ebenso dafür, daß es so viele interessante und nützliche Berufe gibt.
Wofür ich mich begeistere oder nicht begeistere, ist eine völlig andere Sache. Doch wurden in dem Artikel Fakten genannt, die man nicht einfach ignorieren kann. Dazu gehört eben auch die Tatsache, daß es nicht nur langweilige, sinnlose Arbeit gibt, sondern auch immer noch Tätigkeiten und Professionen, in denen Menschen eine (ihre) Befriedigung finden. Damit bleibt, worauf Paoli gar nicht eingeht, auch die Existenz der "Glücklichen Arbeitslosen" von den noch "Beschäftigten" abhängig - und damit auch von deren Leistungen. In einer partiellen Marktwirtschaft (das hatte leider auch negative Folgen, nämlich Entpolitisierung) konnten Menschen weitgehend für sich selbst sorgen, waren auf den Staat und seine Behörden, wie es jetzt überwiegend die Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger sind, nicht angewiesen. Ein Zeichen dafür, daß Menschen, die über Zahlungsmittel verfügen - womit, nach der Aussage von Ökonomen, auch die politische Freiheit beginnt, sehr gut ohne Regierung (ohne Arbeit auch) leben könnten.
Erwähnt wurde von mir, was auch eindeutig stimmt, daß zur marxistischen Ideologie auch der Arbeitszwang gehörte, woraus in den realsozialistischen Ländern auch eine gewisse Vollbeschäftigung resultierte, allerdings verbunden mit einer niedrigen Produktivität. Zu der Frage, ob es eine arrogante Mißachtung gegenüber jenen gibt, die da noch arbeiten müssen (können), bleibt zu klären, inwieweit sich ein parasitäres Verhalten gegenüber jenen vertreten läßt, denen der Genuß der Arbeitslosigkeit noch erspart bleibt. Paoli hätte sich einiges an Aufregung erspart, wenn er sich die Zeit genommen hätte, einige Fakten erst zu verstehen.
Seine Nase wird er sich noch selbst putzen, aber allein schon die Nutzung einer Wohnung erfordert "Leistungen" von anderen, ebenso Nahrung/Kleidung und von einem Busfahrer kann er nicht erwarten, daß dieser für ein bestimmtes Gehalt "arbeitet", Paoli aber von einem Einkommen lebt, das bei weitem höher ist. Denn dann würde sich Paoli von einem kapitalistischen Abzocker nicht unterscheiden.
Ich konnte mich selbst, freiwillig versteht sich, seit Jahren aus dem Erwerbsleben zurückziehen, weiß also ein relativ selbstbestimmtes Leben nicht nur zu schätzen, sondern auch zu leben. Ich bin nur dadurch noch eingeschränkt, daß ich aus einer früheren professionellen Betriebsratsarbeit herrührend noch heute Kollegen berate, wenn sie gegenüber Behörden, die immer unfreundlicher werden, Hilfe benötigen. Für mich besitzt praktische Solidarität einen höheren Stellenwert als etwa Großmäuligkeit. Gerade weil ich mit den Realitäten im "Arbeitsleben" vertraut bin, weiß ich genau, daß sich die Arbeitenden als Trottel der Nation empfinden, sie weitere Einbußen bei einem sinkenden Nettoeinkommen nicht mehr hinnehmen wollen. Wenn der Staat dagegen bei den Zahlungen an die Arbeitslosen oder Sozialhilfempfänger weitere Kürzungen vornimmt, sind für mich Überlegungen oder Zielsetzungen notwendig, um eine Entsolidarisierung von Beschäftigten und Erwerbslosen zu verhindern.
Wenn zum Beispiel die Stadt Hamburg jährlich über 2 Milliarden Mark für Kapitalzinsen aufbringen muß, fehlt dieses Geld für "sinnvolle Aufgaben". Die Schuldentilgung zwingt die Stadt zu weiteren Sparmaßnahmen, natürlich zum Nachteil der Bürger.
Daß, bedingt durch diese Staatsverschuldung (Kapitaldienst), den Städten und Kommunen das Geld für Investitionen fehlt, damit auch für Arbeitsplätze, die mit einem schädlichen Wachstum nichts zu tun haben, im Gegenteil ökologisch sinnvoll wären, will Paoli nicht wahrhaben, weil er jegliche eigene Leistung verweigert und für sich ein "Sozialeinkommen" anvisiert, ohne sich Gedanken zu machen, wer das bezahlen soll. Natürlich der "Staat" - so kann man sich das eigene Denken ganz ersparen.
Wer sich ausschließlich an seiner Alimentationsmentalität orientiert, jegliche eigene Leistung verweigert, dem kann es selbstverständlich gleichgültig sein, ob er Nutznießer von Dienstleistungen ist, die andere erbringen oder ob arbeitende Menschen vom Kapital ausgebeutet werden.
In seiner stets widersprüchlichen Mentalität bejammert er, daß es unnütze Dinge gibt, ein Erzeugen von künstlichen Bedürfnissen. Doch auch dazu gibt es zig Beispiele für das Verschwinden von Produkten vom Markt, wenn es keine Nachfrage gibt. Deutlich sind bei Paoli Minderwertigkeitskomplexe, worunter manche Linke leiden. Daher rührt auch die unsinnige Vermutung, es wäre eine intellektuelle Erpressung, auch nur zu erwähnen, man möchte doch lieber von einem tüchtigen Arzt behandelt werden. Unglücklicherweise mußte mein Bruder kürzlich eine Operation vornehmen lassen. Wir waren froh, daß alles gut verlaufen ist, er sich auf dem Wege der Besserung befindet. Glücklicherweise befand er sich in "guten Händen".
In einem schlechten Beispiel - es diente nur seinem Frustationsabbau - führt Paoli die Nutten an, die dann wohl in ihren Leistungen arbeitsam, zuverlässig und tüchtig sein müßten. Deutlich auch hier der offensichtlich beschränkte Horizont. Es mag den spießigen "Glücklichen Arbeitslosen" nicht gefallen, aber es gibt nicht wenige Huren, die unabhängig von einem Zuhälter arbeiten, ihren Beruf als Dienstleistung verstehen, sich auch eine entsprechende Anerkennung wünschen. Noch schlimmer, sie wollen eine öffentliche Anerkennung der Prostituion.
Es gibt eine Zentralisation im Pressewesen, deshalb hat auch der Journalist Paul Sethe einmal treffend formuliert: "Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 Leuten, ihre Meinung zu verbreiten". So kurz, weniger langatmig, kann man eine Situation beschreiben. Nur in den Demokratien besitzen wir noch andere Alternativen, auch bei der Verbreitung von antikapitalistischen Informationen, als es in den totalitären Staaten des Kommunismus und der früheren DDR der Fall war. In meinem Fahrzeug entdeckten SED-Grenzbeamte im Handschuhfach eine "Frankfurter Rundschau", was sie veranlaßte, mein Fahrzeug gründlich zu kontrollieren, mich stundenlang aufzuhalten, bevor ich den Grenzübergang passieren konnte. Wie war es bei der DDR-Presse mit einem unabhängigen "Journalismus"?
Dogmatismus bedeutet auch stets die Verneinung einer jeden Diskussion über unterschiedliche Positionen, Meinungen oder Ansichten. Deshalb halte ich jeden Dogmatismus für gefährlich, auch den von Guillaume Paoli.
Jahrelang haben die Revolutionäre ein Morgen vorbereitet und damit das Heute versaut (Brupbacher). Jeder sollte seinen Tag wahrnehmen, aber das ist kein ausreichender Grund, um weitergehende Ideen zu diffamieren oder zur Diskussion gestellte Anregungen nicht qualifiziert zu diskutieren. Von rührender Naivität ist ein Satz wie: "Wo steht in der Natur, daß ein Bier ausgerechnet drei Mark fünfzig kosten soll?
Jahrelang betreute ich einen Verlag, ehrenamtlich natürlich. Doch als linke Buchhandlungen, die unsere Bücher verkauft hatten, das Bezahlen vergaßen, wurde ich beim Vorlegen der Rechnungen als Kapitalist bezeichnet. Die Genosslnnen träumten Paolis Traum von der "leistungslosen Gesellschaft", doch zunächst beuteten sie nur die Menschen aus, deren Leistung sie in Anspruch nahmen. Paoli möchte ein kostenloses Bier, er gönnt dem Wirt, der Kellnerin, den Brauern etc. keinen Pfennig.
Kürzlich besuchte mich eine junge Frau, die längere Zeiten in einer Kommune verbrachte, aber da mußten drei Genossinnen arbeiten, immer mehr arbeiten, damit sich die anderen Genossinnen im Sinne ihrer Bedürfnisse selbstverwirklichen konnten. Hübsche Beispiele der Ausbeutung! Natürlich kann man auf solche Kriterien pfeifen, sich etwa darauf berufen, Wissenschaft vermittelt auch keine absoluten Wahrheiten, was auch zutrifft, aber mit diesem ganzen Geschwafel kann man sich ja selbst betäuben, in den Rausch der glückseligen Emotionen versetzen, nur reicht das nicht aus, um die Probleme der "Glücklichen Arbeitslosen" zu lösen.
Daß Paoli an einer argumentativen Auseinandersetzung gar nicht interessiert ist, er selbst keine Argumente einbringen kann, daher auch einfach falsche Thesen aufstellt, läßt sich an zig Beispielen belegen. So behauptet er, unbelastet von jeder Sachkenntnis, daß die (Ökonomen ihre Grundsätze niemals anzweifeln, was objektiv nicht stimmt, denn es bestehen hinsichtlich von ökonomischen Theorien und Lehrmeinungen durchaus diametrale Anschauungen. Er glaubt dann, wie es ihm gerade einfällt, gegen "die natürliche Wirtschaftsordnung" zu Felde ziehen zu müssen, wobei er sich eine sehr pikante Selbstentlarvung leistet, wurde doch eine solche in meinem Beitrag überhaupt nicht erwähnt.
Die These, es gäbe nicht Arbeit genug, ist uralt und wurde in schöner Regelmäßigkeit wiederholt, wie es auch heute in einigen Büchern geschieht, zumal sich bestimmte Themen gut verkaufen lassen. Arbeit für die Autoren, die Druckereien, die Buchgeschäfte. In schlechten Zeiten läßt sich auch Esoterik vermarkten, auch Horoskope oder andere Hoffnungsträger.
In der "Liberty" vom 30. Juni 1888 war zu lesen: "Nicht Arbeit genug! Daß so ein Wahn in den Köpfen der Mehrzahl Platz greifen konnte, zeigt, wie verkehrt das ganze wirtschaftliche System der modernen Staaten ist... Sobald der Arbeiter keinen Tribut zu zahlen braucht für das Privilegium, arbeiten zu dürfen, wird die Klage über Arbeitsmangel verstummen."
Der soziale Schmarotzer unterscheidet sich nicht von einem kapitalistischen Schmarotzer. Die Lösung der sozialen Frage sollte über die erhöhte Produktivität, über eine Verminderung der Kapitalbelastung erfolgen, Aufhebung der staatlichen Monopole, Elimination der Privilegien, Beteiligung an der Grundrente, nicht im Rahmen einer gegenseitigen Ausbeutung der Arbeitnehmerlnnen und Nichterwerbslosen. Das wäre eine Basis für eine Solidarität, die auf Freiwilligkeit beruht, sich "gegenseitige Hilfe" verwirklichen läßt.
Bei der Forschung, Entwicklung, Konstruktion etc. muß man schon zwischen den staatlichen Instituten, den subventionierten Unternehmen, Aktiengesellschaften und den privaten Firmen unterscheiden. In der Abteilung Konstruktion habe ich erfahren, es gibt die nötige Zeit zum Nachdenken, zur Kreativität, auch in den kapitalistischen Betrieben. (Volkseigene Betriebe lernte ich auch kennen - und damit nicht nur schlechte Arbeitsbedingungen, sondern auch ein sehr devotes Verhalten von Menschen, die nach offizieller Lesart in einem Arbeiter-Bauern Staat lebten.)
Nach ständigem Daumenlutschen kommt Paoli auf seine Forderung, worauf er eigentlich seinen ganzen Artikel hätte beschränken können: "Deshalb kann sie (die Subsistenz der "Glücklichen Arbeitslosen") nur durch ein bedingungsloses Sozialeinkommen gezahlt werden." Aufschlußreich ist die Wortwahl. "Bedingungslos", d.h. in unbeschränkter Höhe, ohne jeden Konsens mit den gesellschaftlichen Gruppen, die diese Mittel aufbringen müssen.
Sozialeinkommen gibt es bereits, natürlich nicht genug, dafür gingen (gehen) französische Arbeitslose auf die Straße, wobei sie zunächst die Polizeiknüppel der Regierung des Premierministers Jospin kennenlernten. Der französische Staat wird ihre Forderungen nicht erfüllen, d.h. es wird nur eine sehr begrenzte Erhöhung bei der Zahlung vom Arbeitslosengeld geben. Die Freude darüber, daß zwei Drittel der befragten Franzosen ihre Solidarität mit den Arbeitslosen bekunden, währte leider nur kurz, denn die Bereitschaft durch noch höhere Steuern und Abgaben erhöhte Beiträge für die Arbeitslosen zu leisten, ist auch bei den Beschäftigen in Frankreich nicht vorhanden.
Dort wie hier besteht ein Konflikt zwischen den Beschäftigten und den Unbeschäftigten. Es besteht ein weiteres Problem, nämlich das der Begrenzung der Massenarbeitslosigkeit. Solange eine Mehrheit beschäftigt ist, diese aber ständig ein durch Steuern und Sozialabgaben sinkendes Nettoeinkommen hinnehmen muß, befindet sich der Staat in einer Situation der beständigen Sparmaßnahmen. Diese Situation will Paoli nicht wahrnehmen. Sie erzwingt, daß die sogenannten Sozialeinkommen relativ niedrig bleiben. Zum Glücklichsein kann auch das reichen, zumal Paoli ja keine unnötigen Bedürfnisse besitzt. Wozu also seine ganze Aufregung? Niemand hindert ihn, seine glückliche Arbeitslosigkeit nicht zu genießen. Warum diese Fleißarbeit für einen Artikel, der sich auf einen einzigen Satz, nämlich auf eine bloße Forderung beschränken läßt? Wozu diese ganzen fadenscheinigen Begründungen, es gäbe keine absoluten Kenntnisse, worüber man sich philosophisch sicherlich auslassen kann, was aber nichts daran ändert, daß lebendige Menschen Bedürfnissse haben, die sie befriedigen müssen. Paoli dreht sich im Kreise, schwafelt und schwafelt, dann läßt er wieder - im völligen Widerspruch zu seinen "philosophischen Ansichten" - seine Hose (auch da braucht er hin und wieder eine neue) runter, um seine Forderung auszuspucken !
Da er jede wirtschaftliche Realität leugnet, aus welcher Realität sollte dann das Sozialeinkommen sprudeln? Paoli bezahlt die Nutten mit "Schwundgeld", auch dieses Wort wurde von mir nicht verwendet, aber was möchte er selbst haben, wertloses Geld, wie es sich heute in etlichen Staaten im Umlauf befindet? Nun denn, Paoli sind "wirtschaftliche Fragen" suspekt, weshalb er sich über das Wesen des Geldes, Geldverfassung, keine Gedanken machen will - obwohl er ziemlich scharf darauf ist, daß es in jedem Monat eine "Überweisung" auf sein Konto gibt.
Menschen haben gelebt, obwohl es noch kein Kapital gab (gemeint ist eigentlich etwas anderes), aber die Menschen mußten stets etwas tun, allein um am Leben zu bleiben. Um "ökonomische Realitäten" zu sehen, muß man, nach Paoli, schon eine Brille tragen. So zimmert sich Paoli seine Traumwelt, um dann plötzlich ganz große Augen zu machen und einen noch größeren Mund, streckt begierig seine Hände aus, um sich ein bedingungsloses Sozialeinkommen anzueignen. Er könnte sich da einen gewissen Betrag vorstellen, so rund 5000 Mark im Monat, vielleicht etwas mehr. Dann wäre er so rundum glücklich. Dazu noch ein kostenlosen Bier, vom Faß, versteht sich. Nützlich sollen die Geldscheine auch sein; nicht etwa wertlos wie in Bulgarien oder Indonesien.
Auch freut er sich, wenn immer mehr mechanische, elektronische Sklaven seinen Platz einnehmen, nur hat das einen Haken, den Paoli mit seinem Kartenhaus ignoriert, Automation bedeutet eine hohe Produktivität, sicher, aber wir bleiben noch weiterhin auf Menschen angewiesen, die für uns Leistungen erbringen. Aber konkrete Fragen beantwortet Paoli nicht, er bemüht eifrig verschiedene Autoren, die sich ihre Gedanken darüber machten, was denn so Wahrheit wäre, Wirklichkeit sein könnte, wobei er unterschlägt, daß auch die meisten Wissenschahtler ein gutes Einkommen zu schätzen wissen, sie für ihren Hintern ein Klo benötigen, auch ansonsten froh sind, sich den Bauch vollschlagen zu können und ihr Leben nicht nur mit den Büchern, sondern auch mit vielen anderen Genüssen zu bereichern. Der Beitrag von Paoli macht aber deutlich, das ist besonders pikant, es geht diesen "Glücklichen Arbeitslosen" lediglich um ein "Sozialeinkommen", wobei ihnen egal ist, woher es kommt oder wer es ihnen "verspricht"!
Für Guillaume Paoli gibt es keine wirtschaftliche Realität. Aber der gleiche Paoli, der nicht über eine sinnvollere Geldverfassung diskutieren will, der überhaupt jede Diskussion ablehnt, wüßte ein gutes Geld (?) schon zu schätzen, wenn er es nur hätte. Rumänische Banden, die hier im Umland von Hamburg morden, plündern rauben, machen sich über "wirtschaftliche Realitäten" (über humanes Verhalten schon gar nicht) auch keinerlei Gedanken und halten es für völlig normal, wenn sie die Menschen bestehlen, die in den Augen von Paoli so blöd sind, noch zu arbeiten.
Entscheidungen der Arbeitslosen sind häufig irrational. Darauf beruhte der Erfolg von Hitler und auf dieses Konto kommen auch Wahlsiege der Rechten in Frankreich. Arbeitslosigkeit ist auch ein politisches Problem. Unzufriedene Menschen verkennen den Wert der Freiheit, wie es die Historie lehrt. Auch daher rechnet die PDS mit einem guten Wahlergebnis. Aus dem Glauben, die materielle Versorgung sei besser gewesen, es gab keine Arbeitslosen, weniger Kriminalität, ist auch eine nostalgische Verklärung der DDR entstanden. Auch im Gefängnis findet sich ein Stück Heimat, woran man sich später gerne erinnert. Ein Weltbild, das sich lediglich auf eine materielle Versorgung sowie politische Abhängigkeit von den staatlichen Institutionen reduziert, führt zur Rechtfertigung einer jeden Tyrannei. Ökonomische Unabhängigkeit, freie Entscheidung darüber, ob man mehr oder wenig, selten oder gar nicht mehr arbeitet, wäre die Basis für eine wirkliche Selbstbestimmung, Unabhängigkeit von der staatlichen Abhängigkeit und Bevormundung. Inwieweit die "Glücklichen Arbeitslosen" den Wert der Freiheit erkennen, sie diesen Wert verteidigen, erscheint fraglich, bleibt also abzuwarten.
Der Beitrag von Paoli machte eines deutlich, aus seiner Sicht besteht für die "Glücklichen Arbeitslosen" keinerlei Diskussionsbedarf.

P.S. Paoli nennt P. M. einen Anarcho-Calvinisten aus der Schweiz. Man kann verschiedener Meinung sein, auch P. M. macht Vorschläge, gibt Anregungen und Empfehlungen. Er erteilt aber keine Anweisungen. P. M. ist also kein Dogmatiker, der wie Paoli seine "bedingungslosen Forderungen" vertritt.