Uwe Timm
Wieviel Erde braucht der Mensch ?
Veröffentlicht in: SKLAVEN N° 40
Anmerkungen zum Text der "Glücklichen Arbeitslosen"
In seiner Erzählung "Wieviel Erde braucht der Mensch?" beschreibt
Leo Tolstoi einen Bauern, der immer mehr Land besitzen wolte und sich daher
ins Baschkirenland begab, um dort für sein Geld möglichst viel Land zu erwerben.
Aber die Baschkiren wollten ihr Land nicht einfach verkaufen, sie machten eine
Bedingung: "Wir verkaufen nur nach Tagen. Soviel Land du an einem Tage umschreiten
kannst, ist dein, und der Preis für einen Tag ist tausend Rubel." Aber, so wurde
es dem Bauer Pachom erklärt, sein Geld wäre verfallen, käme er nicht an den
Platz zurück, von dem er ausgegangen sei. Pachom nahm dieses Angebot an; er
machte sich am frühen Morgen auf den Weg, um bis zum Sonnenuntergang möglichst
viel Land zu umschreiten. Er dachte, so an die fünfzig Werst werde ich wohl
an einem Tage zurücklegen können, und so werde ich sicher viel, sehr viel Land
für meine 1000 Rubel bekommen. Guten fruchtbaren Boden, Äcker und Wiesen, Pachom
lief und rannte bis zur völligen Erschöpfung, um den vereinbarten Punkt bis
zum Sonnenuntergang zu erreichen. Mit letzter Kraft erreichte er sein Ziel,
ein Baschkir rief noch: "Ach, du Prachtkerl, viel Land hast du dir erworben",
aber aus dem Munde von Pachom stürzte das Blut - Pachom war tot. Nun blieb für
Pachom nur noch ein Grab, genauso groß wie er war, vom Kopf bis zu den Zehen.
Der Bauer Pachom, der viel Land für sich wollte, hatte sich totgelaufen, genauso
wie sich Menschen totarbeiten, wenn sie sich in ihrer Arbeit verschleißen, sich
selbst unter Druck setzen, um noch diese oder jene Position zu erreichen, ständig
konsumieren müssen, um sich auch eine scheinbare Akzeptanz bei ihren Mitmenschen
zu verschaffen, womit sie sich dann einen Herzinfarkt, ein Magengeschwür, einen
frühen Tod einhandeln. Ebenso kann die Arbeit an einem Stahlkocher, ein jahrelanges
Abrackern auf dem Bau Invalidität, den frühen Exitus bedeuten.
In diesem Sinne müssen sich die "Glücklichen Arbeitslosen" nicht rechtfertigen,
brauchen auch gar nicht zu begründen, warum ihnen "Arbeit" zuwider ist, sie
in Unabhängigkeit von jeglicher Mühsal und Plage leben wollen. Diese Menschen
sind in ihrem Selbstwertgefühl nicht getroffen, ihnen wurde in der Zeit ihrer
Arbeitslosigkeit bewußt, die Möglichkeiten der "freien Zeit" für sich kreativ
zu nutzen. Sie werden sich auch nicht in Trauer stürzen, weil die einen mehr,
die anderen weniger haben. Überdies ist auch Armut ein sehr relativer Begriff.
Ein Indianer, der noch sein Land besaß, aber keinen Mercedes, war ganz sicher
nicht unglücklich. Der bewußte Mensch wird mit Tucholsky sagen: "Jedes Glück
hat einen kleinen Stich. Wir möchten soviel: Haben. Sein. Und gelten. Daß einer
alles hat: das ist selten."
Zur "marxistischen Ideologie" gehörte der "Arbeitszwang", die "Arbeitslager"
und auch eine scheinbare Vollbeschäftigung in den kommunistischen Staaten, wobei
es sich auch um eine gewisse Form "glücklicher Arbeitslosigkeit" handelte, denn
gemessen an der Produktivität, den erzielten volkswirtschaftlichen Daten, waren
die erbrachten wirtschaftlichen Leistungen offenbar gering. Daß sich die Menschen
an die Unfreiheit gewöhnt hatten, und daran, daß Partei und Staat ihnen das
Denken abnahmen, zeigt eine gewisse Nostalgie, aber der Versorgungsstaat scheiterte
auch ökonomisch und hinterließ eine bankrotte Wirtschaft. Der älteren Generation
in der früheren DDR sei es gegönnt, aber sie wurde Nutznießer der Beitragszahlungen
westlicher ArbeitnehmerInnen, kann daher etwas von der Welt kennenlernen, was
ihr sonst kaum möglich gewesen wäre. Höhere Arbeitslosenquoten im Osten haben
auch, von anderen Ursachen abgesehen, mit dem früheren System zu tun, was gerne
ignoriert wird. Christen empfinden Arbeit als Religion ("ora et labora") Arbeit
als die ethische Pflichterfüllung im menschlichen Dasein. Im Dritten Reich wurde
die "Arbeit" verherrlicht, wurden "Arbeitslager" für angeblich "Arbeitsscheue"
eingerichtet, gab es - wie im Kommunismus - Zwangsarbeit. Darin unterscheidet
sich eine libertäre Weltanschauung von den "ideologische Anmaßungen": In der
libertären Tradition findet sich keine Verherrlichung der Arbeit, weder als
Religion noch als ein Muß, lediglich als Akzeptanz einer Basis der materiellen
Existenz von allen. Freiheit der Arbeit, Befreiung der Arbeit vom Wucher, von
der kapitalistischen Ausbeutung, ökonomische Unabhängigkeit als Voraussetzung
für die Verwirklichung der individuellen Freiheit - all das charakterisiert
den libertären "Arbeits"-Begriff. Das Individuum wird nur entsprechend seinen
Bedürfnissen arbeiten, mehr oder weniger, aber niemals zu Lasten anderer. John
Henry Mackay schrieb sehr treffend: "Arbeit: die Menschen sind ja völlig wahnsinnig
geworden. Das Arbeitsfieber hat sie ergriffen... Leben? Zum Leben ist keine
Zeit mehr da. Ich lobe mir dagegen die Freiheit, die mir gestattet, in ihr ein
arbeitsames oder ein faules Dasein zu führen. Beides erlaubt die Freiheit (wenn
auch das letztere nur in einem immerhin etwas begrenzten Maße)."
Menschen, die sich nicht betätigen, weder intellektuell noch physisch, ihrem
Leben keinen Sinn geben, es nicht zu schätzen wissen, verzichten auf eine Entwicklung
zur selbst- bewußten Persönlichkeit. Nur wer sich selbst bejaht, wird auch andere
Menschen akzeptieren. Menschen werden von Emotionen beherrscht, positive und
negative. Wer nur sieht, was andere sind, haben oder sein werden, empfindet
Haß, Neid, Mißgunst. (Dergleichen ist durchaus nicht ungefährlicher als eine
miese Arbeit.) Den "Glücklichen Arbeitslosen" wird niemand ihr Glück verwehren,
aber auch in ihren Texten findet sich Frustration, ein seitenlanges Ringen um
eine Anerkennung, die sie glauben für sich selbst finden zu müssen. Sozusagen
eine beachtliche Arbeitsleistung, aber ihr Text ist auch ein Dokument der Selbstaufgabe,
der Resignation vor einem Kapitalismus, den sie mit ihren Forderungen nicht
beeindrucken können.
Aber sie wollen sich von den Arbeitslosen, die nur in den Tag hineinleben, sich
nicht artikulieren, auch bei keiner Demonstration zu finden sind, durch eine
scheinbare Provokation unterscheiden. Immerhin wird von ihnen "Glückliche Arbeitslosigkeit"
nicht als bloße Utopie, sie wird im Sinne ihrer VerfechterInnen als eine tätige
und ernste Aufgabe verstanden.
Diese "Glücklichen Arbeitslosen" wollen "arbeiten", auch dafür sorgen, daß "Arbeitslose"
den Wert der Muße erkennen, sie die einmalige Alternative nutzen, selbst ein
kreatives Leben zu leben. Freilich eine Erkenntnis, wonach schon viele BundesbürgerInnen
leben, insoweit diese kaum noch bereil sind, wie der Bauer Pachom durchs Leben
zu rennen, um noch dieses und jenes zu haben oder erreichen zu wollen. Hier
hat sich, besonders in der jüngeren Generation, ein begrüßenswerter positiver
Wertewandel schon längst vollzogen.
Der Amerikaner Jeremy Rifkin erteilte der Bundesrepublik Deutschland dieses
Lob: " Die Deutschen sollten sich gratulieren. Sie haben nach dem zweiten Weltkrieg
die fortschrittlichste, humanste Gesellschaft der Welt aufgebaut."
Rifkin meinte den Lebensstandard, kurze Arbeitszeiten, lange Urlaubszeiten,
hohe Ein-kommen und damit ein - aus seiner Sicht - äußerst erfolgreiches Leben
der Deutschen. Eine leistungsfähige Wirtschaft war und ist auch die Grundlage
für soziale Leistungen.
Bei den alten Griechen, vielleicht war Aristoteles ein glücklicher Mensch? beanspruchten
die Herren für sich die Muße, wollten ihren Neigungen leben, während die Barbaren
körperliche Arbeit zu leisten hatten. Arbeitende Menschen mußten sich kürzere
Arbeitszeiten erkämpfen, selbst wenn man einräumen muß, daß eine Grundvoraussetzung
hierfür die Nutzung der Technik war.
Leider verbreiten die "Glücklichen Arbeitslosen" in ihrem Text auch Klischees,
haben anerzogene Vorurteile nicht überwunden, orientieren sich an gewissen Halbwahrheiten,
Zerrbildern - fatalerweise wie einst Eduard von Schnitzler im DDR-Fernsehen.
Eduard von Schnitzler verstand sich in seinem "Schwarzen Kanal" auf Schattenseiten,
identifizierte damit die gesamte bundesdeutsche Gesellschaft, sah diese nur
als ein armseliges Opfer des Kapitalismus. Wer aus einer Realität nur einige
Punkte ausklammert, weil sie in sein ideologisches Konzept passen, verfälscht
diese und verhindert Kennt-nisse, die zum Verstehen und zur Bewältigung der
ganzen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realität notwendig sind. In den
Pfandhäusern von London kannte sich Karl Marx gut aus, aber selbst die bittersten
Erfahrungen brachten ihn nicht dazu, sich mit der Geldfrage, den Vorteilen der
Geldbesitzer, intensiver zu beschäftigen, als es in seinem Werk der Fall war.
Der Befreiung vom Kapitalismus, auch vom Arbeitszwang, ja gar einem Weg zur
Muße in der eigenen freien Entscheidung waren diese Defizite nicht sehr dienlich.
Da es in der BRD einen Arbeitszwang nicht gibt, freilich immer noch eine staatliche
Reglementierung, wogegen sich die "Glücklichen Arbeitslosen" berechtigt wehren,
ist die Frage "Arbeit" oder "Muße" eigentlich gar kein Thema, denn niemand wird
zur Arbeit gezwungen.
Durch Automation und Rationalisierung werden Arbeitsplätze eingespart, in einigen
Bereichen auch neue geschaffen, aber Technisierung ist nicht die Hauptursache
einer kapitalistisch-staatlich bedingten Erwerbslosigkeit. Gerade weil diese
Ursachen nicht erkannt und beseitigt werden, wozu auch die Finanzierung der
Kapitalkosten gehören, sind es genau diese Ursachen, warum manche Betriebe in
einer verstärkten Rationalisierung eine Kostenerleichterung suchen. Wenn in
Hamburg Parks verwildern, öffentliche Einrichtungen geschlossen werden, Lehrer
keine Anstellung finden, obwohl dringend gebraucht, geht das nicht zu Lasten
der neuen Technologien. Die sogenannte Arbeitslosenquote läßt sich nicht mit
der jeweiligen Anzahl von Industrierobotern begründen. In Japan kamen auf 10
000 Beschäftigte 338 Roboter, in Singapur 112, in Schweden 92, in der BRD gerade
69. Trotz hoher Arbeitslosigkeit besteht ein akuter Bedarf an qualifizierten
MitarbeiterInnen. Dies namentlich im Bereich der Printmedien, der Datenverarbeitung
- besonders groß ist gegenwärtig die Nachfrage nach CAD-Spezialisten (Computer
Aided Design). Beim Einwand, das wäre nur etwas für "Qualifizierte" wird übersehen,
daß es in den Städten/Gemeinden genügend notwendige einfache Arbeitsplätze gibt,
die schlicht aus Kostengründen nicht besetzt werden (Staatsverschuldung, Zinskosten).
Die Argumentation, Maschinen seien generell schuldig an der Arbeitslosigkeit,
wurde mit einer gewissen Vehemenz schon immer vertreten, worüber sich die Nutznießer
des Kapitalismus freuen können: Nicht der Kapitalismus (Privilegien auf Zahlungsmittel,
Geld-und Bodenmonopol) sei schuldig, sondern die Technisierung. Genauso einfältig
wie die These, gäbe es weniger Ausländer im Lande, hätten die Deutschen mehr
Arbeit.
Merkwürdigerweise standen die Linken mit der Technik schon immer auf Kriegsfuß,
und leider haben sie auch erhebliche Probleme mit der Ökonomie und der Soziologie.
Das hängt wohl damit zusammen, daß die linken Ideologen statisch denken, nie
dynamisch und schon gar nicht differenziert.
Einige Beispiele mögen das verdeutlichen: "Dieses Gefühl von Nützlichkeit gibt
es in 95% aller Jobs nicht mehr. Der "Dienstleistungs"-sektor beschäftigt nur
Dienstboten und Computeranhängsel, die keinen Grund haben, stolz zu sein. Selbst
ein Arzt fungiert nur noch als Handelsvertreter der pharmazeutischen Konzerne.
Wer kann von sich noch behaupten, er mache sich nützlich... Alleiniges Ziel
jeder einzelnen Arbeit ist, den Gewinn des Unternehmens zu steigern und ebenso
ist auch alleinige Beziehung des Arbeites zu seiner Arbeit sein Gehalt..."
Wenn die "Glücklichen Arbeitslosen" behaupten, es würde in 95% aller Jobs kein
Gefühl von Nützlichkeit mehr geben, so ist das ihr Bild, nur es deckt sich nicht
mit der ganzen wirtschaftlichen Realität. Die Zahl der "interessanten und auch
nützlichen Berufe" wurden seit der Jahrtausend-wende nicht weniger, sondern
diese Zahl ist gestiegen (besonders für Frauen), und dieses in fast allen Bereichen.
Auch arbeitet die Mehrheit der Arbeitnehmer keineswegs in den großen Betrieben
(Mercedes usw.), sondern im Handwerk, in den mittelständischen Bereichen. In
der BRD arbeiten 6,1 Mio. Menschen im Handwerk. Es mag Ärzte geben, die sich
nur als "Handelsvertreter" der pharmazeutischen Konzerne verstehen, aber das
ist nicht die Normalität, weil es auch verantwortungsvolle Ärzte gibt, bemüht,
mit den neuesten Kenntnissen (alternative Medizin, Ernährung, Psyche) Menschen
zu helfen, zu heilen. Die Moderatorin bei einem Fernsehsender, die Pilotin bei
der Lufthansa, die Redakteurin bei einer großen Zeitung, die Dolmetscherin,
die Fremdsprachenkorrespondentin, die Krankenschwester, sie alle denken nicht
von sich, unnütz zu sein. Wissen aber zu leben, betrachten keineswegs Arbeit
als den einzigen Sinn in ihrem Leben. Freizeit besitzt einen hohen Stellenwert,
unabhängig von sonstigen Ansichten. Es gibt miese Chefs, schlechte Arbeitsbedingungen
usw., aber eben auch nicht als Regel. In zahlreichen Betrieben herrscht sogar
ein gutes Betriebsklima, werden Leute keineswegs schikaniert, werden Mitbestimmungsrechte
durch die Belegschaft, Betriebsräte wahrgenommen. Es ist ein Grundirrtum der
"Glücklichen Arbeitslosen", sie müßten die Arbeitswelt als "Ganzes" schwarzmalen,
um damit ihre "glückliche Arbeitslosigkeit" zu begründen oder zu rechtfertigen.
Es gibt sicher Arbeiter, deren Beziehung zur Arbeit nur das Geld ist, aber es
gibt Handwerker, Zimmerer, Installateure, wie es auch Ingenieure/Konstrukteure
gibt, denen wohl die Bezahlung wichtig ist, die aber keineswegs ausschließlich
am Geld interessiert sind.
Ein Betrieb, der keinen Gewinn macht, besitzt weder die Mittel für notwendige
Investitionen noch für soziale Leistungen. Gewinn wird nicht nur fälschlich
negativ betrachtet, sondern auch hier fehlt offenbar noch jedes Verständnis
für eine notwendige Differenzierung. Gewinn und Kapitalerträge sind grundverschiedene
Dinge. Kapitalkosten muß ein mittelständisches Unternehmen (dieses haben die
"Glücklichen Arbeitslosen" als Sponsor anvisiert), ebenso Steuern, Sozialversicherungsbeiträge,
auch dann zahlen, wenn es überhaupt keinen Gewinn macht. In dieser Frage sind
die Banken gnadenlos, ebenso der Staat. Der Gedanke, Anteile vom Kapitalertrag
zu verlangen, geht schon eher in die richtige Richtung, nur ist in dieser Frage
die Ursache wesentlich, die in einem falschen Geldsystem (Geldmonopol) liegt
und die gesamte Wirtschaft mit ständig steigenden Kapitalkosten belastet. Daß
aber Mehrwert aus der Zirkulationssphäre entsteht, dem Geld-Kapitalmarkt, hatte
Marx ignoriert: "Die Zirkulation oder der Warenaustausch schaffen keinen Mehrwert."
Weil es immer Arbeit geben wird, auch eine Automation uns davon nicht befreien
kann, bleiben auch die "Glücklichen Arbeitslosen" immer von den Arbeitsleistungen
der "arbeitenden Menschen" abhängig. Ihre vereinfachte Formel, möge doch der
Staat gut für uns sorgen, steht in einem Konflikt mit der ökonomischen Realität:
Der Staat ist nämlich pleite. Und dieser Staat wird, besonders wenn sich 1998
eine große Koalition durchsetzen läßt, ziemlich unpopuläre Maßmahmen treffen:
Kürzung der Bezüge für Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose und Rentner. Mit höheren
Abgaben und Steuern sind die Arbeitenden nämlich nicht mehr einverstanden. Junge
Leute klagen bereits beim Bundesverfassungsgericht, weil sie die hohen Beiträge
für die "staatliche" Rentenversicherung nicht mehr bezahlen wollen. Und die
"Glücklichen Arbeitslosen" wollen doch wohl auch, daß die "ArbeiterInnen" in
ihren Leistungen sehr arbeitssam, zuverlässig und vor allem auch sehr tüchtig
sind. Oder möchten sich "Glückliche Arbeitslose" von einem untüchtigen Arzt
operieren lassen, die defekte Gasheizung oder das Auto einem Pfuscher zur Reparatur
überantworten? Wenn sie sagen, sie würden keine Lohnarbeit suchen, ist das eine
sehr mißverständliche Aussage, denn was läßt sich gegen eine gute Lohnarbeit
einwenden (der volle Arbeitsertrag war einmal eine Grundforderung des Sozialismus),
wenn es für die LohnarbeiterInnen ein gutes Einkommen bedeutet?
Wer macht was, wenn alle "glücklich arbeitslos" sind? Arrogante Mißachtung für
alle Menschen, die in der Landwirtschaft, im Handwerk, in den ständig erforderlichen
Dienstleistungen, Schulen, Krankenhäusern, Verkehr, Energie, Sielbau, Sanitäranlagen,
auch Forschung, Wissenschaft, Enwicklung, kontinuierlich ihre Arbeitsleistungen
einbringen, auch wenn ihnen ihre "Arbeit" sicherlich häufig zum Halse raushängt?
Derjenigen immerhin, von denen die "Glücklichen Arbeitslosen" wohl erwarten,
daß jene dummen "Spießer" sie mit Subsidien, entspringend aus Überschüssen ihrer
"Dummheit" (sprich: Arbeit), durchfüttern, weil ja auch ein "Glücklicher Arbeitsloser"
nicht allein von Liebe, Luft und Sonnenschein leben kann (eine Haltung, die
wohl eher in einen sozialistischen Versorgungsstaat passen würde als in eine
nach libertären Grundsätzen funktionierende Gesellschaft, die die Eigenverantwortlichkeit
und Eigeninitiative eines jeden fordert - mehr fordert als jede staatliche Zwangsordnung,
deren Ketten ja, wie die geschichtliche Erfahrung lehrt, immer auch einen gewissen
Halt bieten?
Nun sollte die "Glücklichen Arbeitslosen" niemand daran hindern, sich selbst
zu organisieren, aber dazu gehört das Eintreten für ein "selbstbestimmtes Leben",
wobei nicht sicher ist, ob sie sich in dieser Frage, wie es häufig bei den Linken
der Fall ist, nicht selbst überschätzen. Forderungen an andere, auch an Institutionen
zu stellen, ist immer die einfachste Sache. So heißt es im Text: "Wenn der Arbeitslose
unglücklich ist, so liegt das nicht daran, daß er keine Arbeit hat, sondern
daß er kein Geld hat... Wie wir sehen werden, bietet der "Glückliche Arbeitslose"
an, diesen Mangel durch die Suche nach unklaren Ressourcen auszugleichen..."
Nun wird, wie erwähnt, das kapitalistische Geldsystem gerade von den Linken
überwiegend unkritisch akzeptiert, damit auch das "leistungslose" Einkommen
aus der Kapitalverzinsung, weshalb es nicht ohne Pikanterie ist, wenn die "Glücklichen
Arbeitslosen" an einem System beteiligt werden möchten, das bedingt durch eine
einseitige Kapitalanhäufung die Reicher reicher, die Armen ärmer macht. Ihnen
ist auch nicht klar, daß selbst der Besitz von Aktien breit gestreut ist, auch
ArbeitnehmerInnen Aktionäre sind, die wesentliche Gewinne durch den spekulativen
An- und Verkauf erzielt werden. Sie möchten von einem mittelständischen Unternehmer
adoptiert werden, bei dem sie allerdings keine Lohnarbeit leisten würden, von
wegen der "Ausbeutung", der ihnen aber das nötige Geld für ein glückliches Leben
zahlen soll. Eine Grundkenntnis fehlt den "Glücklichen Arbeitslosen" leider
völlig: Produktion und Distribution können niemals ohne Angebot und Nachfrage,
ganz und gar nicht ohne das Kostenprinzip wirtschaftlich funktionieren. Denn
in der Endlichkeit der Ressourcen läßt sich jede Vergeudung und jedes Schmarotzertum
nur mittels des Kostenprinzips unterbinden. Der Sozialismus marxistischer Prägung
ist auch daran gescheitert, weil es ein funktionsfähiges Preissystem nicht gab,
die Arbeitsproduktivität niedrig war, Anreize zu einer sparsamen (ökologischen)
Wirtschaftsführung ausgeschaltet waren, es keine Trennung gab zwischen den Produzenten
und Konsumenten, damit auch keine zwischen den Faulen und den Fleißigen. Auch
der gutbezahlte Facharbeiter, der für seinen Lebensstandard die Ausbeutung der
"Dritten Welt" nutzte, wird im Rahmen einer Globalisierung seine Ansprüche reduzieren
müssen. Wie immer auch eine soziale "Grundsicherung" (unabhängig von einer alternativen
Wirtschaftsordnung) diskutiert wird, diese ist abhängig von einer möglichen
wirtschaftlichen Gesamtleistung, wird sich daher unterhalb der durchschnittlichen
Arbeitseinkommen bewegen. Auch der Anteil aus der Bodenrente wäre abhängig von
den Pachterlösen, die erwirtschaftet werden müssen. Berechtigterweise wird von
den "Glücklichen Arbeitslosen" die staatliche Bürokratie bei der Auszahlung
von "Sozialgeldern" unter Beschuß genommen. Nicht von ungefähr hat der Ökonom
Milton Friedmann (von den Linken oft gescholten, aber alles haben diese wohl
nicht gelesen) die Auffassung vertreten: Die Armen-Gelder gehen vor allem für
die Gehälter drauf, die unsere hochbezahlten Krieger im Kampf gegen die Armut
beziehen. Im Sozialstaat bestimmen die Beamten, was für die Armen gut ist. Dieser
Zustand der Entmündigung sei zu beseitigen. Nach Friedmann sollte die "öffentliche
Fürsorge" im Interesse der Bedürftigen effizienter geregelt werden, dafür sollte
eine Negativsteuer eingeführt werden und Menschen, deren Einkommen unterhalb
einer festgesetzten Grenze liegt, erhalten vom Finanzamt einen Bargeldzuschuß,
worüber die Empfänger frei und ohne jede Einmischung des Staates verfügen können.
Eine "glückliche Arbeitslosigkeit" ist für jene, die staatliche Privilegien
genießen, über genügend angelegtes Kapital verfügen (das sich an jedem Tag verzinst)
oder ein Erbe verbrauchen, tägliche Realität. Dazu gehören pensionierte Politiker
ebenso wie "verdiente" Beamte. So gibt es Wohlstandsarbeitslose schon lange,
dazu gehört auch die gegenwärtige Erbengeneration und diese besitzt gute Aussichten,
wenn man bedenkt, daß allein in Deutschland in den nächsten Jahren rund eine
Billion Mark (!) in Geld- und Sachwerten vererbt wird.
Gute Zeiten, sonnige Zeiten, aber von den Wohlstandsarbeitslosen auf Mallorca
ist da weniger Gutes zu hören:
"Das Einerlei der Sonnentage...werde nur noch durch die Wahl der Alkoholica
variiert. Morgens Cognac, mittags Weißwein, abends Rotwein, dazwischen die Hausbar.
Hinter vorgehaltener Hand wird die Geschichte eines Architekten erzählt, den
der Glücksakkord aus Sonne, Wein, Finca und Total-Freizeit vor ein paar Wochen
direkt in die geschlossene Anstalt führte..." (Spiegel Nr.33 / 11.8.97) Diese
Menschen, die ihre Eltern beerben, von denen nicht wenige sich tatsächlich totgearbeitet
haben, nur damit es der Nachwuchs mal besser haben sollte, besitzen keine Weltanschauung,
kein politisches Bewußtsein, sie zeigen uns aber, daß Menschen, die sich selbst
als lebendiges Individuum nicht schätzen, keine kreative Existenz begründen,
Alternativen, die das Leben, ein einmaliges Geschenk für jeden Menschen, jedem
von uns bietet, nicht wahrnehmen, sich selbst zerstören. Das Recht auf eine
"glückliche Arbeitslosigkeit" ins Gespräch zu bringen, ist mehr als zu begrüßen,
aber diese Visionen sollten nicht mit einer Kapitulation vor dem Kapitalismus
verbunden werden.
WIEVIEL ZWERGE BRAUCHT EIN SCHREBERGARTEN?
Anmerkungen zu Uwe Timms Anmerkungen zu den Glücklichen
Arbeitslosen
Veröffentlicht in: SKLAVEN N° 41, Okt. 1997
"Für Bakunin waren die Deutschen geborene Sklaven. Er kannte
sie seit 1848 und sein revolutionärer Instinkt täuschte ihn nicht. Wahrlich
revolutionär, nämlich von Leib und Seele, waren für ihn die Völker, die fähig
sind, die Errungenschaften der Zivilisation nicht bewundernd anzugaffen, sich
vor dem materiellen Fortschritt nicht nierderzuwerfen und den religiösen Respekt
vor bourgeoisem Privatbesitz von sich abzuwenden; die Völker, die durch den
kapitalistischen Geist noch nicht völlig verdorben sind und es wagen, der Freiheit
einen höheren Stellenwert einzuräumen als dem Reichtum." (Franz Borkenau, Spanish
Cockpit)
So sehr gemäßigt und differenziert in seinem Urteil war er nicht, der Großvater
des Anarchismus, und ihn würde es sicherlich wundern, in Deutschland heute noch
Enkel vorzufinden, von denen sich manche allerdings auf ein sehr reformiertes
Bekenntnis berufen, einen Anarchismus "light", der mit dem Extremismus Durrutis
oder gar Pougets (geschweige denn Ravachols) kaum gemeinsames hat. Also ist
Uwe Timm ein Anarchist, der sich für die humane und leistungsfähige deutsche
Wirtschaft begeistern kann, ein Anarchist der sich freut, daß es heutzutage
so viele interessante und nützliche Berufe gibt, mit netten Chefs, gutem Betriebsklima
und Mitbestimmungsrecht, ein Anarchist der die Meinung vertritt, sich nichts
"gegen eine gute Lohnarbeit einnwenden" ließe (1). Wenn eine solche Gesinnung
der "libertären Weltanschauung" immer noch entspricht, dann kann man annehmen,
daß es in Deutschland Millionen von Anarchisten gibt, obwohl sie es noch nicht
selbst wahrgenomen haben. Immerhin hat Timm eines von seinen Ahnen geerbt: da
die Glücklichen Arbeitslosen nicht ganz in seinen Rahmen passen, wittert er
dahinter sofort ein Manöver des Erbfeindes, d.h. der marxistischen Linken. Es
mag sein, daß andere Glückliche Arbeitslose die Sache anders als ich betrachten,
auf jeden Fall möchte ich feststellen, daß ich mit Stalin nicht im entferntesten
verwandt bin und daß ich mit den Ritualen, der Humorlosigkeit, der Mythensucht
und der ideologischen Engstirnigkeit derjenigen, die sich üblicherweise als
"Linke" verstehen, nichts am Hut habe. GenossInnen? Genießer sind mir lieber,
und Genießerinnen natürlich auch. Wobei ich als Nichtsektierer eben auch nicht
prinzipiell Antilinker bin und meinen geistigen Honig sowohl aus Marxisten als
auch Anarchisten, Buddhisten, Sadisten, Internisten und anderen Isten zu sammeln
vermag.
Leider ist es weder das erste, noch das letzte Mal, daß den Glücklichen Arbeitslosen
vorgeworfen wird, sie machten sich über die Arbeitenden lustig, bzw. äußerten
ihnen gegenüber eine "arrogante Mißachtung". Also muß noch einmal betont werden:
Soweit ich weiß, gibt es heutzutage noch keine "reine" Arbeitslosigkeit, die
von der Arbeiterwelt völlig abgetrennt ist, ab und zu müssen wir auch arbeiten,
ab und zu sind wir auch unglücklich. Daher wäre es undenkbar, sich als eine
Art "Arbeitslosenaristokratie" zu begreifen. Da ich die Vielfalt der Erfahrungen
bevorzuge, bin ich nicht einmal "gegen die Arbeit": Wenn es tatsächlich arbeitsfreudige
Menschen gibt, warum sollte ihr Glück versaut werden? Übrigens zählen zu unseren
Sympathisanten auch Menschen, die ihre eigene Arbeit mögen, jedoch die Möglichkeit
einer glücklichen Arbeitslosigkeit für andere, die sie sich wünschen, unterstützen.
Freilich gibt es noch mehr, die ihren Job erst gar nicht als eine "Entwicklung
zur selbstbewußten Persönlichkeit" schätzen, und die auf der Suche nach besseren
Möglichkeiten sind.
Um das "Gefühl von Nützlichkeit" zettelt Timm einen schlechten Streit an. Da
wir eben von Gefühl reden, entspricht das natürlich nur unserem Bild. Wir beanspruchen
nicht die Gefühle der ganzen Menschheit. Der Polizist, der das Gesindel tüchtig
niederknüppelt, hat bestimmt auch das Gefühl, er mache sich dabei nützlich.
Ohne Sklaven, die dienstgeil, gefühls- und verantwortungsvoll arbeiteten, hätte
das römische Reich sicherlich nicht so lange existieren können.
Nicht das Gefühl ist die entscheidende Frage, sondern Sinn und Inhalt. Zum Beispiel
das immerwährende Erzeugen von künstlichen Bedürfnissen (das alte Auto das keinen
TÜV mehr kriegt, das neue Computerprogramm, das aber einen neuen Computer benötigt
usw.), das aus uns allen Konsumjunkies macht, die folglicherweise einen Dealer
"brauchen". Dazu kommt das Verschwinden der Qualität durch die Diktatur des
Quantitativen in bezug auf jedes Angebot (Wohnhäuser, Dienstleistungen, Nahrungsmittel,
Unterhaltung, anarchistische Texte). Schon ein gutes Essen vorbereiten zu können
ist heute ein beinah subversiver Akt geworden, da es Geschmack, Zeit und einen
Zugang zu ungefälschten Produkten erfordert, drei Dinge, die aus der Marktwirtschaft
zunehmend ausgeschlossen sind.
Für jemanden, der sich so "kritisch" gibt wie Uwe Timm, finde ich es merkwurdig,
daß er den Inhalt des Arbeitsprozesses unberührt läßt und noch dazu die übliche,
gehdochnachdrüben-ähnliche intellektuelle Erpressung anwendet, alle möchten
doch lieber von einem tüchtigen Arzt behandelt werden. Ebenso hätte sein Argument
heißen können: "...Und die Glücklichen Arbeitslosen wollen auch, daß die Nutten
in ihren Leistungen sehr arbeitsam, zuverlässig und vor allem auch tüchtig sind.
Oder möchten sich Glückliche Arbeitslose von einer untüchtigen Nutte wichsen
und blasen lassen?" Dabei hätte er auch das Wesentliche verfehlt. Die Nutte
ist nicht nur vom Kapitalismus abhängig, indem sie meistens einem Zuhälter untertan
ist, vom Staat schikaniert und nicht mit Schwundgeld bezahlt wird, sondern auch
weil sie unter Zeitdruck (ohne die Möglichkeit dieser schönen und nötigen Verschwendung
namens Erotik) und unter Gelddruck (egal ob sie Lust dazu hat oder nicht) arbeiten
muß. Hingegen streben die Glücklichen Arbeitslosen nach Spaß umsonst und unbegrenzt.
Obwohl niemand bestreiten kann, daß die Prostitution eine besonders nützliche
Branche des Dienstleistungssektors darstellt (mit immer steigender Nachfrage),
wird Timm sicherlich wieder denken, ich nähme "undifferenziert" extreme Beispiele.
Er redet eher von der "Normalität", z.B. von der " Moderatorin bei einem Fernsehsender".
Aber ist die Sache da wirklich so anders? Kein arroganter Arbeitsloser war es,
sondern John Swinton, Chefredakteur der New York Times, der seinen Ex-Kollegen
auf einen "Toast auf die unabhängige Presse" anläßlich seiner Pensionierung
erwiderte: "Sie wissen, wie ich weiß, daß es keine unabhängige Presse gibt.
Keiner unter Ihnen würde es wagen, seine wahre Meinung zu schreiben, und wenn
einer es täte, dann würde sie sowieso nie veröffentlicht werden. Derjenige,
der dumm genug wäre, eine Wahrheit zu auszusprechen, würde gleich auf die Straße
geworfen, wo er um einen Job betteln müßte. Die Funktion eines Journalisten
besteht darin, die Wahrheit zu vernichten, radikal zu lügen, zu pervertieren,
zu erniedrigen, Mammon zu Füßen zu kriechen, und für sein tägliches Brot, bzw.
für seinen Lohn sich selbst zu verkaufen. (...) Wir sind die Werkzeuge und die
Untertanen von reichen Männern, die hinter der Bühne kommandieren. Wir sind
ihre Marionetten, sie ziehen die Drähte und wir tanzen. Unsere Zeit, unsere
Fähigkeiten, unsere Möglichkeiten, ja unser Leben besitzen diese Männer. Wir
sind intellektuelle Huren."
Um so zu empfinden, braucht man nicht arbeitslos zu sein. Ich glaube aber, daß
Uwe Timm nicht als Arbeiter sondern als Dogmatiker die Existenz der Glücklichen
Arbeitslosen ein Dorn im Auge ist. Nur ein Dogmatiker drückt sich so aus: "Nun
sollte die Glücklichen Arbeitslosen niemand daran hindern, sich zu organisieren,
aber..." und dann kommen die Bedingungen, die eingehalten werden müssen. Oder:
"Die Frage 'Arbeit' oder 'Muße' ist eigentlich gar kein Thema, denn niemand
wird zur Arbeit gezwungen". Wer ist Uwe Timm zu entscheiden, welche Frage ein
Thema oder kein Thema sein darf? Den Arbeitszwang kann sich der Politanarchist
nur in Form eines geißelnden SS-Mannes oder Volkskommissars vorstellen. Freilich
wird in unserer schönen Demokratie niemand mit der Peitsche gezwungen, seine
Miete, seine Fahrkarte, sein Essen, seinen Alk und anderes zu zahlen, auch niemand
wird gezwungen zu überleben, es sind genug Knäste und Friedhöfe für alle da.
Allerdings ist die aktuelle Frage, daß immer mehr Menschen zur Arbeitslosigkeit
gezwungen sind, ob sie es wollen oder nicht. Und wenn keine Arbeit vorhanden
ist, dann lieber versuchen, die Muße zu genießen, als verzweifelt gegen Windmühlen
anzukämpfen. Erfreulicherweise scheint sich diese Vorstellung peu à peu durchzusetzen,
was u.a. der jüngste Erfolg von Viviane Forresters Buch andeutet .(2) "Die Arbeitslosigkeit
ist deshalb das größte Problem unserer Zeit, weil die Gesellschaft auf Erwerbsarbeit
aufgebaut ist. Die meisten Leute schämen sich für ihre Arbeitslosigkeit, obwohl
es für diese Scham keinen Grund gibt (...) Es ist nicht mehr möglich zu sagen,
um ein korrektes Leben zu führen, muß man erwerbstätig sein. Das kann man vor
allem der Jugend nicht mehr erzählen, weil man weiß, daß die Erwerbsarbeit bereits
konfisziert ist. (...) Deshalb brauchen wir andere Lebensinhalte." Die Glücklichen
Arbeitslosen sagen nichts anderes.
Da wir beschuldigt sind, nicht dynamisch zu denken, werde ich mich also schnell
um Timms Lehrgebäude, die "libertäre Wirtschaftsordnung", in Bewegung setzen,
und zwar es mal von vorne, mal von hinten anschauen. Diesseits sieht diese Denkkonstruktion
ein für allemal vollendet aus: Abschaffung des Staatsapparats, Schwundgeld,
Bodenreform, alles garantiert 100% antikapitalistisch. Nur fehlt noch eine Kleinigkeit
für die Verwirklichung: die Weltrevolution, deren möglicher Prozeß in ESPERO
so wenig wie überall zu spüren ist (wobei man manchmal den Eindruck bekommt,
unsere Anarchoökonomen möchten eher die Kapitalisten überzeugen, sie machten
alles falsch). Da die Glücklichen Arbeitslosen die blühende Zukunft der klassenlosen
Gesellschaft ein bißchen vergessen wollen, um sich auf ihre Gegenwart zu konzentrieren,
werden sie natürlich verdächtigt, vor dem Kapitalismus zu resignieren. Verrat,
Verrat, am Proletariat! Dennoch wurde dem langjährigen Arbeiter Timm sicherlich
schon von Oberrevoluzzern das ebenso blödsinnige Argument an den Kopf gehauen,
die Arbeiter, die für eine Lohnerhöhung statt für die Abschaffung des Kapitalismus
streiken, seien resigniert bzw. integriert, ja möchten "an einem System beteiligt
werden ..., das die Reichen reicher, die Armen ärmer macht".
Praktisch gesehen kann das Ringen um eine glückliche Arbeitslosigkeit nur empirisch
erfolgen. Statt ein fertiges System in den Himmel zu projizieren, sind wir auf
der irdischen Suche: Wir schauen uns um, krallen uns eine Gelegenheit hier,
probieren eine Möglichkeit da, und sehen, was dann passiert. Scheitert es? Immerhin
werden wir etwas davon gelernt haben und diese Erfahrung für ein anderes Experiment
anwenden können. In diesem Zusammenhang mögen auch libertärgesinnte Ideen wie
Schwundgeld oder Tauschringe gelten, doch eben als empirischer, keineswegs ausreichender
Versuch, und nicht als die ultimative Lösung der sozialen Frage. Dabei will
ich keinesfalls verneinen, es sei immer den Versuch wert, jenseits der heutigen
Umstände zu denken, und da die Weltrevolution anscheinend nicht morgen ausbrechen
wird (Bakunin sei Dank, wenn ich mich täusche), riskiert man nicht viel, seiner
Phantasie freien Lauf zu lassen. Aber eben da, von hinten betrachtet, kommt
die "libertäre Wirtschaftsordnung" einem äußerst zaghaft vor. Was sich in dem
kapitalistischen Präsent stolz als undurchsetzbar darstellt, sieht in einer
nichtkapitalistischen Zukunft, trotz aller Abschaffung der Zinsen und des Abbaus
des Staates, dem Kapitalismus nur allzu ähnlich. Gleiche Beschäftigungen, gleiche
"ökonomische Realitäten", gleiche Langeweile. Man hätte neue Leidenschaften
erwartet und bekommt ein Buchungsgutachten. Ein einfallsreicher Prophet war
eingeladen, doch es taucht nur der Dorfpfarrer auf. Meiner Meinung nach liegt
ein solcher Mangel an Kühnheit daran, daß diese "Antikapitalisten" immernoch
in den Kategorien jenes dominanten Systems denken, das sie angeblich abschaffen
wollen. Und da wir gerade auf dieses Terrain keinen Fuß setzen wollen, wird
uns die "Selbstaufgabe" zugeschrieben. Angesichts der Reinschrift der frechen
Arbeitslosen runzelt der Lehrer Timm seine Stirn, und trägt mit Rotstift seine
Randbemerkungen ein: "Klischee", "Zerrbild", "Halbwahrheit". Wir hätten "erhebliche
Probleme mit der Ökonomie und der Soziologie", seien "unqualifiziert".Er nimmt
nicht einmal wahr, daß wir auf die Kriterien und Maßstäbe solcher "Qualifizierungen"
pfeifen.
"Einer der bemerkenswertesten Züge des politischen Anarchismus seit der Aufklärung
ist sein Vertrauen in die 'natürliche Vernunft' des Menschen und seine Hochachtung
vor der Wissenschaft", schrieb Paul Feyerabend und er fuhr fort, daß "dieses
naive, beinahe kindliche Vertrauen" heute durch "zwei Entwicklungen in Frage
gestellt" wird: Erstens, daß "die 'normalen' Wissenschaften (...) ein mächtiges
Geschäft geworden sind, das das Bewußtsein der in ihm Tätigen beeinflußt. Gute
Bezahlung, ein gutes Verhältnis zum Chef und den Kollegen in der Abteilung sind
die Hauptziele dieser menschlichen Ameisen. (...) An das menschliche Wohl wird
kaum gedacht, ebensowenig an einen Fortschritt, der mehr wäre als eine lokale
Verbesserung". (Da treffen wir wieder auf das Verschwinden der Qualität im Arbeitsprozeß,
und wohlbemerkt: nicht von einem "unqualifizierten" Arbeitslosen ausgedrückt,
sondern von einem Wissenschaftler selbst.) "Die zweite Entwicklung betrifft
die angebliche Autorität der Ergebnisse dieses sich immerfort wandelnden Unternehmens.
Früher hielt man wissenschaftliche Gesetze für wohlbegründet und unwiderruflich.
(...) Heute hat man erkannt, (...) daß die Wissenschaft keine solche Garantie
liefern kann. Wissenschaftliche Gesetze können revidiert werden, sie sind oft
nicht nur partiell unrichtig, sondern ganz falsch, das heißt sie reden über
Dinge, die es überhaupt nicht gibt." (3) Aber wo z.B. die Physiker längst bezweifelt
haben, es könnte überhaupt von einer objektiven Realität außerhalb deren Beobachtungsprozesses
gesprochen werden, gibt es eine Gattung von "Wissenschaftlern", die über ihre
eigenen Grundsätze nie zweifelt, nämlich die Ökonomen. Das obwohl ihr Forschungsfeld
alles andere als "natürlich", sondern vollkommen kulturbestimmt ist. Eine "natürliche
Wirtschaftsordnung" ist ein Widerspruch an sich. Wo steht in der Natur, daß
ein Bier ausgerechnet drei Mark fünfzig kosten soll? Mutet diese Tatsache, wenn
man ein bißchen über sie nachdenkt, nicht magischer an als ein indianischer
Totem? Nichtsdestotrotz wird von Theo Waigel bis Uwe Timm derselbe Glaube eingehämmert,
und zwar:
a) Es gibt eine wirtschaftliche Realität,
b) hat es immer gegeben und wird es immer geben.
c) Sie läßt sich wissenschaftlich erkennen,
d) ist unabwendbar und muß von allen ernstgenommen werden. Amen.
Diese vier Voraussetzungen wollen wir in Zweifel ziehen.
Ein erkenntnistheoretischer Anarchist im Sinne Feyerabends kennt keine absolute
Wahrheit, und läßt sich weder von der etablierten Wissenschaft noch von dem
"gesunden Menschenverstand" seiner Zeit imponieren. Über die polnischen Romantiker
schrieb Norman Davies in seiner History of Poland: "Sie waren nicht weniger
realistisch als diejenigen, die sich selbst als Realisten bezeichnet hatten,
nur hatten sie eine andere Auffassung von der Realität" (übrigens haben im Fall
Polens die Ereignisse mehrmals den Romantikern gegen die Realisten recht gegeben).
Ebenfalls ist der allgegenwärtige wirtschaftlische Realismus eine bloße Weltanschauung,
die man beliebig annehmen oder ablehnen kann. Um "ökonomische Realitäten" sehen
zu können, muß man schon eine ökonomische Brille tragen. Sonst sieht die Welt
völlig anders aus.
"Die Menschen haben gelebt, ehe sie den Begriff des Kapitals hatten, und sie
werden in der Zukunft ohne den Begriff des Kapitals leben, und es gibt in der
jetzigen Zeit noch große Kreise von Völkern auf der bewohnten Erde (und es sind
hochzivilisierte Völker) die den Begriff des Kapitals nicht kennen, der beste
Beweis, daß Kapital nur ein Glaube, ein Illusion ist."(4) Sterne konnten schon
beobachtet werden, ehe es Astronomen gab. "Ökonomische Realitäten" hingegen,
und der Begriff Arbeit gehört dazu, wurden gleichzeitig geschaffen und "wissenschaftlich"
bewiesen. Für die angeblichen Beweisführungen wurden die Übereinkünfte zurechtgelegt,
das nennt sich Tautologie. Was untersucht die Ökonomie? Die Ökonomie selbstverständlich!
Heute hat sich dieser Glaube um so fester verankert, daß er sich als die Überwindung
aller üblichen Mythen und Ideologien darstellen kann. Der postmoderne Narr glaubt,
daß er an nichts mehr glaubt, dabei beugt er sich vor der sogenannten Unerläßlichkeit
der "nackten Tatsachen". Keine Tatsache ist aber nackt, und selbst die Nacktheit
ist etwas sehr relatives: Für einen islamischen Fundamentalisten ist eine Frau
schon nackt, wenn sie ihre Wade zeigt.
Uns imponiert das Argument der Wirksamkeit dieser sogenannten Realität nicht:
Abgesehen davon, daß nichtökonomische Gesellschaften viel länger als "unsere"
wirkten, bringt uns jeder neue Tag mehr Gelegenheit, die schöne Wirksamkeit
der Ökonomie zu bewundern. Im Namen des Nützlichkeitsprinzips werden immer mehr
sinnlose Waren produziert (Tamagoshi für alle), dabei die Grundlagen des Lebens
zerstört (Ozon, ade). Die Ökonomie legitimiert sich durch die sogenannte Notwendigkeit
der Arbeit, doch ihrer Logik zufolge werden immer mehr Arbeitsplätze vernichtet.
Was sich als ein "Kampf gegen die Knappheit" durchgesetzt hatte, hat es letztendlich
geschafft, die Mehrheit der Erdbevölkerung in eine unerhörte Knappheit zu führen
(Tendenz steigend). Und dieser tödliche Witz verlangt auch noch, ernstgenommen
zu werden? Wir lachen uns lieber tot! Egal mittels welcher Begriffe ein Mensch
sein Leben gestalten mag, sie werden kaum absurder sein können als diejenigen,
die ihn "wissenschaftlich" verdammen. Freilich können wir uns heute noch der
Notwendigkeit des Geldes so schwer entziehen wie der mittelalterliche Herätiker
dem Scheiterhaufen der Inquisition, was aber nicht beweist, daß diese Kraft
die Wahrheit besitzt, sondern nur die Macht. Und wenn die Menschen "anfangen
zu wissen, daß ihr Wissen nur ein Glauben ist, wird der Glaube zu Aberglauben
und verliert seine Kraft"(5) .
Wahrscheinlich ist es für jemanden, der Kapitalist werden will oder ein Business
starten möchte angebracht, ökonomisch qualifiziert zu sein (wobei ein erfolgreicher
amerikanischer Bankier einst behauptete: "Ich muß zugeben, daß ich was Geld
angeht nichts verstehe"). Man mag auch ökonomische Kategorien benutzen, um das
Existierende zu verstehen, bzw. die Widersprüche und verborgenen Mächte zu enthüllen
(wobei die Übung an Reiz verloren hat, seitdem die Schlußfolgerung der notwendigen,
baldigen Entstehung des Kommunismus nicht mehr glaubhaft gezogen kann). Abgesehen
davon sehe ich gar keinen Anlaß, in dem eisigen Gewässer des egoistischen Kalküls
mitzuschwimmen. Ich glaube, der Glückliche Arbeitslose sollte sich darauf beschränken,
in der alleinigen Absicht ökonomisch zu argumentieren, um der obligatorischen
Sinnlosigkeit dieser Denkweise noch mehr Verwirrung hinzuzufügen, anders gesagt
mit Ironie, ein Wort daß sich auf Dogmatisch schwer übersetzen läßt. Zum Beispiel,
wenn ich lese, daß die französische Regierung im letzten Jahr vierzig Milliarden
Francs ausgegeben hat, um fünfzehntausend Arbeitsplätze zu schaffen, denke ich
mir, daß sie mit dem Geld eher eine Lotterie hätte organisieren können, um fünfzehntausend
Lose von je 2666666 Francs (das sind knapp achthunderttausend Mark) an Arbeitslose
zu verteilen, die damit ewigen Müßiggang hätten genießen können.
Hingegen nimmt Uwe Timm all diesen Kram sehr ernst. Wie der Stammtischpolitiker,
der seinen Kumpels mühelos mitteilt, was er tun würde, wenn er nur Kanzler wär',
spart er keine Spucke zu erzählen, wie unqualifiziert die Wirtschaft heute behandelt
wird, und wie vernünftig sie funktionieren würde, wenn wir nur in einer libertären
Gesellschaft lebten. Dabei nimmt er alle Gemeinplätze der gängigen Gehirnwäscherei
in Kauf:
"Der Staat ist pleite" sagt er, und nicht: Der Staat will für euch arme Arschlöcher
keinen Furz mehr ausgeben, viel wichtiger ist es ihm, das Privatkapital aktiv
und passiv zu unterstützen, und noch dazu Armee, Polizei, und Regierungsbonzen
zu subventionieren.
"Nicht die Automation ist die Ursache von der Erwerbslosigkeit". Jaja, Arbeit
gibt es reichlich, sagt auch das Sozialamt, und schickt Sozialhilfeempfänger
für drei Mark pro Stunde Friedhöfe pflegen (Timm lamentiert, daß Parks in Hamburg
verwildern, es wird leider nicht lange dauern). Wenn aber ein Geldautomat fünf
Bankangestellte ersetzt, ist die Ursache ihrer Entlassung ziemlich klar. Glaubt
man Jeremy Rifkin (den Timm anerkennend zitiert), werden in einer nahen Zukunft
achtzig Prozent der (noch) bestehenden Arbeitsplätze technologisch vernichtet.
Übrigens ist die Frage : "Ist die Technisierung oder der Kapitalismus schuld?"
ziemlich sinnlos: Die Technisierung wird ausschließlich von der Logik des Kapitalismus
bestimmt. Was aber nicht heißt, daß sie unbedingt schlecht sei. Der Glückliche
Arbeitslose freut sich, daß immer mehr mechanische und elektronische Sklaven
an seiner Stelle arbeiten. Er hat damit kein Problem.
"Wohlstandsarbeitslose" wüßten nichts besseres zu tun, als in Mallorca zu saufen,
bis sie in einer geschlossenen Anstalt landen. Das hat Timm im SPIEGEL gelesen,
es muß also doch stimmen. Total-Freizeit ist gefährlich (wie ist es mit den
sechs Millionen streßleidenden bzw. achzigtausend pharmadrogensüchtigen deutschen
Arbeitnehmern?). Schon in Mallorca zu wohnen ist ein Beweis für Geschmacklosigkeit,
den kein Glücklicher Arbeitsloser erbringen würde.
"Arbeit wird es immer geben": Wer weiß? Arbeit hat es nicht immer gegeben, die
meisten vorkapitalistischen Kulturen besaßen nicht einmal ein Wort für "Arbeit".
Man lese ein bißchen Ethnologie, man lese Georges Batailles Aufhebung der Wirtschaft.
Bekanntlich kannten die Urvölker Amerikas keine "prekolumbianische Kunst", der
westliche Beobachter war es erst, der bestimmte Dinge, die ursprünglich einen
ganz anderen Sinn hatten, als "Kunst" charakterisierte. Gleichfalls wurde von
Ökonomen ein Teil derselben Kultur willkürlich abstrahiert, um es als "prekolumbianische
Wirtschaft" abstempeln zu können. In beiden Fällen diente dieser Mißbrauch dazu,
die vorübergehenden Werte des Bürgertums zu verewigen. "Die wissenschaftliche
bzw. industrielle Revolution des Abendlandes breitet sich gänzlich über eine
Zeitspanne aus, die ungefähr einem halben Tausendstel des vergangenen Lebens
der Menschheit entspricht. Man sollte also vorsichtig sein mit der Behauptung,
sie sei darauf ausgerichtet, dessen Sinn völlig zu ändern"(6) .
Der Versuch, die Exzesse der Ökonomie mittels einer vernünftigeren ökonomischen
Ordnung zu überwinden, kann nur an die protestantische Korrektur des "exzessiven"
Katholizismus erinnern. Genauso wie Luther den Papst entthronte und die Heiligkeit
Marias abschuf, wollen die Wirtschaftsreformatoren den Staat entthronen und
die Zinsen abschaffen. Die Heilige Schrift bleibt aber unverändert. Das Individuum
wird weiter schuften müssen, aber nicht zu viel, ökologisch und "niemals zu
Lasten anderer". Wie im Protestantismus kommt also die Moral zum Vorschein.
Das Gesetz kommt nicht mehr vom Himmel, soll aber verinnerlicht werden. Um das
"Ende der Arbeit" zu überwinden, schlägt Jeremy Rifkin ein Sozialeinkommen für
Arbeitslose vor, das aber an gemeinnützige Arbeiten im "Dritten Sektor" gebunden
wird, wo "auch Leute, die Führungsaufgaben übernehmen können, gebraucht werden.
Die Organisationen des dritten Sektors sollten eine ähnliche Abstufung von Berufen,
Qualifikationen und Einkommen einführen wie es sie in der Wirtschaft gibt"(7).
Kurz gesagt: die Ausbeutung ist tot, es lebe die Ausbeutung! Ähnlich sieht es
aus in der Schrift eines Anarcho-Calvinisten aus der Schweiz, von ESPERO co-editiert,
der sich für einen "arbeitsfreien Mittwoch" engagiert: "Für die Wirtschaft wäre
die Einführung eines freien Mittwochs durchaus zumutbar [...] Ein Teil der verlorenen
Arbeitsleistung würde durch frischere Arbeitskräfte am Donnerstagmorgen ausgeglichen"(8)
. Sehr antikapitalistisch, wie man sieht... Aber natürlich wäre dieser Mittwoch
nicht bedigungslos frei, sondern sollte "für ökologische und soziale Zwecke
verwendet" werden, man wird sich also nützlich machen müssen. Nur: Welche anarchistische
Obrigkeit wird entscheiden, was und wer diese Zwecke erfüllt oder nicht? Und
mit welchen Kriterien? Wenn vier Kumpels ihren freien Mittwoch darauf verwenden,
Doppelkopf zu spielen, Doppelkorn zu trinken und Witze zu erzählen, dient das
sozialen Zwecken? Wer hat das Recht, das Gegenteil zu behaupten? Und wer weiß,
ob dem Typ da, der die ganze Zeit pennt und rumhängt, morgen nicht eine geniale
Idee einfallen wird, die die Welt verändern wird? Zeigt die Homöopathie nicht,
daß ganz winzige Mengen große Wirkungen haben können? Gerade in dieser konkreten
Frage sind sich alle Verfechter der Ökonomie, egal ob kapitalistisch oder antikapitalistisch,
einig. Sie wollen Leistungen, Effizienz und Seriosität sehen. Als "gemeinnützig"
werden nur die Tätigkeiten begriffen, die die alten Zustände endlos reproduzieren.
Nebenbei erwähnt Uwe Timm auch die "Menschen, [...] die in der Forschung kontinuierlich
ihre Arbeitsleistungen einbringen". Dabei zeigt er, daß er über die Bedingungen
der Forschung (und im allgemeinen jener "Kreativität" von der er so gern redet)
wenig weiß. In der Grundlagenforschung werden Menschen (gut) bezahlt, ohne jegliches
Ergebnis liefern zu müssen. Sie können unverbindlich erforschern was sie wollen,
werden sogar aufgefordert, die zwecklosesten Ideen zu entwickeln, und erst jedes
zweites Jahr etwa gebeten, einen Bericht vorzulegen. Dabei wird sogar in Kauf
genommen, daß manche ihre Position dazu benutzen, gelassen an einem griechischen
Strand den lokalen Wein zu "untersuchen". Letztendlich wird vielleicht ein Forscher
unter hundert etwas entdecken, das angewandt werden wird. Trotz alledem werden
die übrigen Neunundneunzig nicht als "Sozialschmarotzer" angesehen. Nicht, daß
ihr Arbeitgeber (meistens vom Staat subventioniert, der ja eigentlich "pleite"
ist) besonders kulant sei, sondern er weiß, daß dies die nötigen Bedingungen
sind, um eine einzige, dabei entscheidende Neuigkeit entdecken zu können. Zugunsten
der industriellen bzw.militärischen Forschung werden also zweck- und ergebnislose
Tätigkeiten unterstützt. Ihrerseits benötigt die soziale Grundlagenforschung
der glücklichen Arbeitslosen um so mehr Ruhe und Zwanglosigkeit, daß sie alles
vom vorne anfangen muß. Deshalb kann sie nur mittels eines bedingungslosen Sozialeinkommens
unterstützt werden.
Rifkin meint, daß das Ende der Arbeit "eine breite soziale Veränderung in Gang
setzen und zu einer Wiedergeburt unserer Menschlichkeit führen" könnte. Das
wollen wir auch hoffen, und zwar nicht erst in einer fernen Zukunft. Die erste
Grundlage dafür ist aber die Fähigkeit, mit der Logik, den Werten, den Hierarchien
und den Gewohnheiten der altgewordenen Arbeitsgesellschaft zu brechen.
Guillaume Paoli
P.S. Ich will nicht den Eindruck hinterlassen, ich hätte etwas besonderes gegen
Uwe Timm. Wahrscheinlich ist er ein netter Kerl, der auch gute Geschichten zu
erzählen weiß.
1: Uwe Timm: Wieviel Erde braucht der Mensch? SKLAVEN Nr 40.
2: V. Forrester: Terror der Ökonomie, München/Wien, 1997. Das folgende Zitat
stammt aus einem Interview in derJUNGLE WORLD vom 25.09.97.
3: Paul Feyerabend: Wider den Methodenzwang, Frankfurt a.M., 1986.
4: Wolfgang Forell: Kapital als Aberglaube, 1931 geschrieben, Nachdruck in SKLAVEN
Nr 38/39.
5: Forell ebd.
6: C. Levi-Strauss: Race et histoire, Paris, 1952
7: J. Rifkin: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, Frankfurt a.M., 1997.
8: P.M.: Der Arbeitsfreie Mittwoch, für eine planetare Alternative, Bern, 1997.
Bedingungslos
Zu Guillaume Paoli
"Wieviel Zwerge braucht ein Schrebergarten"
Veröffentlicht in: Sklaven Nr. 41/97
Seelig sind die, die da geistig arm sind, denn ihnen ist
das Himmelreich sicher. Zu meinem Text "Wieviel Erde braucht der Mensch", der
in "Sklaven Nr.41" und auch in ESPERO Nr. 10/11 erschien, versuchte sich Guillaume
Paoli in einer Rezension, in der er sich freilich kaum mit meinem Text, geschweige
den Argumenten auseinandersetzt, sondern versuchte, seinen Frust abzubauen und
seine Vorurteile loszuwerden. In einer wahrheitswidrigen Schlußbemerkung meinte
Paoli, er hätte nichts gegen Uwe Timm, wahrscheinlich ein netter Kerl, der auch
gute Geschichten zu erzählen weiß. Es gibt von mir zahlreiche Publikationen,
nur die Zeit für Geschichten hatte ich bisher nicht, aber das kann sich ja noch
ändern. Beim Lesen hatte Paoli offenbar erhebliche Probleme, vermochte wohl
einige Argumente nicht zu verstehen, weshalb er sich ein Feindbild konstruiert,
und Uwe Timm dann zu einem Anarchisten ernennt, der sich für die humane und
leistungsfähige deutsche Wirtschaft begeistern kann, ebenso dafür, daß es so
viele interessante und nützliche Berufe gibt.
Wofür ich mich begeistere oder nicht begeistere, ist eine völlig andere Sache.
Doch wurden in dem Artikel Fakten genannt, die man nicht einfach ignorieren
kann. Dazu gehört eben auch die Tatsache, daß es nicht nur langweilige, sinnlose
Arbeit gibt, sondern auch immer noch Tätigkeiten und Professionen, in denen
Menschen eine (ihre) Befriedigung finden. Damit bleibt, worauf Paoli gar nicht
eingeht, auch die Existenz der "Glücklichen Arbeitslosen" von den noch "Beschäftigten"
abhängig - und damit auch von deren Leistungen. In einer partiellen Marktwirtschaft
(das hatte leider auch negative Folgen, nämlich Entpolitisierung) konnten Menschen
weitgehend für sich selbst sorgen, waren auf den Staat und seine Behörden, wie
es jetzt überwiegend die Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger sind, nicht angewiesen.
Ein Zeichen dafür, daß Menschen, die über Zahlungsmittel verfügen - womit, nach
der Aussage von Ökonomen, auch die politische Freiheit beginnt, sehr gut ohne
Regierung (ohne Arbeit auch) leben könnten.
Erwähnt wurde von mir, was auch eindeutig stimmt, daß zur marxistischen Ideologie
auch der Arbeitszwang gehörte, woraus in den realsozialistischen Ländern auch
eine gewisse Vollbeschäftigung resultierte, allerdings verbunden mit einer niedrigen
Produktivität. Zu der Frage, ob es eine arrogante Mißachtung gegenüber jenen
gibt, die da noch arbeiten müssen (können), bleibt zu klären, inwieweit sich
ein parasitäres Verhalten gegenüber jenen vertreten läßt, denen der Genuß der
Arbeitslosigkeit noch erspart bleibt. Paoli hätte sich einiges an Aufregung
erspart, wenn er sich die Zeit genommen hätte, einige Fakten erst zu verstehen.
Seine Nase wird er sich noch selbst putzen, aber allein schon die Nutzung einer
Wohnung erfordert "Leistungen" von anderen, ebenso Nahrung/Kleidung und von
einem Busfahrer kann er nicht erwarten, daß dieser für ein bestimmtes Gehalt
"arbeitet", Paoli aber von einem Einkommen lebt, das bei weitem höher ist. Denn
dann würde sich Paoli von einem kapitalistischen Abzocker nicht unterscheiden.
Ich konnte mich selbst, freiwillig versteht sich, seit Jahren aus dem Erwerbsleben
zurückziehen, weiß also ein relativ selbstbestimmtes Leben nicht nur zu schätzen,
sondern auch zu leben. Ich bin nur dadurch noch eingeschränkt, daß ich aus einer
früheren professionellen Betriebsratsarbeit herrührend noch heute Kollegen berate,
wenn sie gegenüber Behörden, die immer unfreundlicher werden, Hilfe benötigen.
Für mich besitzt praktische Solidarität einen höheren Stellenwert als etwa Großmäuligkeit.
Gerade weil ich mit den Realitäten im "Arbeitsleben" vertraut bin, weiß ich
genau, daß sich die Arbeitenden als Trottel der Nation empfinden, sie weitere
Einbußen bei einem sinkenden Nettoeinkommen nicht mehr hinnehmen wollen. Wenn
der Staat dagegen bei den Zahlungen an die Arbeitslosen oder Sozialhilfempfänger
weitere Kürzungen vornimmt, sind für mich Überlegungen oder Zielsetzungen notwendig,
um eine Entsolidarisierung von Beschäftigten und Erwerbslosen zu verhindern.
Wenn zum Beispiel die Stadt Hamburg jährlich über 2 Milliarden Mark für Kapitalzinsen
aufbringen muß, fehlt dieses Geld für "sinnvolle Aufgaben". Die Schuldentilgung
zwingt die Stadt zu weiteren Sparmaßnahmen, natürlich zum Nachteil der Bürger.
Daß, bedingt durch diese Staatsverschuldung (Kapitaldienst), den Städten und
Kommunen das Geld für Investitionen fehlt, damit auch für Arbeitsplätze, die
mit einem schädlichen Wachstum nichts zu tun haben, im Gegenteil ökologisch
sinnvoll wären, will Paoli nicht wahrhaben, weil er jegliche eigene Leistung
verweigert und für sich ein "Sozialeinkommen" anvisiert, ohne sich Gedanken
zu machen, wer das bezahlen soll. Natürlich der "Staat" - so kann man sich das
eigene Denken ganz ersparen.
Wer sich ausschließlich an seiner Alimentationsmentalität orientiert, jegliche
eigene Leistung verweigert, dem kann es selbstverständlich gleichgültig sein,
ob er Nutznießer von Dienstleistungen ist, die andere erbringen oder ob arbeitende
Menschen vom Kapital ausgebeutet werden.
In seiner stets widersprüchlichen Mentalität bejammert er, daß es unnütze Dinge
gibt, ein Erzeugen von künstlichen Bedürfnissen. Doch auch dazu gibt es zig
Beispiele für das Verschwinden von Produkten vom Markt, wenn es keine Nachfrage
gibt. Deutlich sind bei Paoli Minderwertigkeitskomplexe, worunter manche Linke
leiden. Daher rührt auch die unsinnige Vermutung, es wäre eine intellektuelle
Erpressung, auch nur zu erwähnen, man möchte doch lieber von einem tüchtigen
Arzt behandelt werden. Unglücklicherweise mußte mein Bruder kürzlich eine Operation
vornehmen lassen. Wir waren froh, daß alles gut verlaufen ist, er sich auf dem
Wege der Besserung befindet. Glücklicherweise befand er sich in "guten Händen".
In einem schlechten Beispiel - es diente nur seinem Frustationsabbau - führt
Paoli die Nutten an, die dann wohl in ihren Leistungen arbeitsam, zuverlässig
und tüchtig sein müßten. Deutlich auch hier der offensichtlich beschränkte Horizont.
Es mag den spießigen "Glücklichen Arbeitslosen" nicht gefallen, aber es gibt
nicht wenige Huren, die unabhängig von einem Zuhälter arbeiten, ihren Beruf
als Dienstleistung verstehen, sich auch eine entsprechende Anerkennung wünschen.
Noch schlimmer, sie wollen eine öffentliche Anerkennung der Prostituion.
Es gibt eine Zentralisation im Pressewesen, deshalb hat auch der Journalist
Paul Sethe einmal treffend formuliert: "Pressefreiheit ist die Freiheit von
200 Leuten, ihre Meinung zu verbreiten". So kurz, weniger langatmig, kann man
eine Situation beschreiben. Nur in den Demokratien besitzen wir noch andere
Alternativen, auch bei der Verbreitung von antikapitalistischen Informationen,
als es in den totalitären Staaten des Kommunismus und der früheren DDR der Fall
war. In meinem Fahrzeug entdeckten SED-Grenzbeamte im Handschuhfach eine "Frankfurter
Rundschau", was sie veranlaßte, mein Fahrzeug gründlich zu kontrollieren, mich
stundenlang aufzuhalten, bevor ich den Grenzübergang passieren konnte. Wie war
es bei der DDR-Presse mit einem unabhängigen "Journalismus"?
Dogmatismus bedeutet auch stets die Verneinung einer jeden Diskussion über unterschiedliche
Positionen, Meinungen oder Ansichten. Deshalb halte ich jeden Dogmatismus für
gefährlich, auch den von Guillaume Paoli.
Jahrelang haben die Revolutionäre ein Morgen vorbereitet und damit das Heute
versaut (Brupbacher). Jeder sollte seinen Tag wahrnehmen, aber das ist kein
ausreichender Grund, um weitergehende Ideen zu diffamieren oder zur Diskussion
gestellte Anregungen nicht qualifiziert zu diskutieren. Von rührender Naivität
ist ein Satz wie: "Wo steht in der Natur, daß ein Bier ausgerechnet drei Mark
fünfzig kosten soll?
Jahrelang betreute ich einen Verlag, ehrenamtlich natürlich. Doch als linke
Buchhandlungen, die unsere Bücher verkauft hatten, das Bezahlen vergaßen, wurde
ich beim Vorlegen der Rechnungen als Kapitalist bezeichnet. Die Genosslnnen
träumten Paolis Traum von der "leistungslosen Gesellschaft", doch zunächst beuteten
sie nur die Menschen aus, deren Leistung sie in Anspruch nahmen. Paoli möchte
ein kostenloses Bier, er gönnt dem Wirt, der Kellnerin, den Brauern etc. keinen
Pfennig.
Kürzlich besuchte mich eine junge Frau, die längere Zeiten in einer Kommune
verbrachte, aber da mußten drei Genossinnen arbeiten, immer mehr arbeiten, damit
sich die anderen Genossinnen im Sinne ihrer Bedürfnisse selbstverwirklichen
konnten. Hübsche Beispiele der Ausbeutung! Natürlich kann man auf solche Kriterien
pfeifen, sich etwa darauf berufen, Wissenschaft vermittelt auch keine absoluten
Wahrheiten, was auch zutrifft, aber mit diesem ganzen Geschwafel kann man sich
ja selbst betäuben, in den Rausch der glückseligen Emotionen versetzen, nur
reicht das nicht aus, um die Probleme der "Glücklichen Arbeitslosen" zu lösen.
Daß Paoli an einer argumentativen Auseinandersetzung gar nicht interessiert
ist, er selbst keine Argumente einbringen kann, daher auch einfach falsche Thesen
aufstellt, läßt sich an zig Beispielen belegen. So behauptet er, unbelastet
von jeder Sachkenntnis, daß die (Ökonomen ihre Grundsätze niemals anzweifeln,
was objektiv nicht stimmt, denn es bestehen hinsichtlich von ökonomischen Theorien
und Lehrmeinungen durchaus diametrale Anschauungen. Er glaubt dann, wie es ihm
gerade einfällt, gegen "die natürliche Wirtschaftsordnung" zu Felde ziehen zu
müssen, wobei er sich eine sehr pikante Selbstentlarvung leistet, wurde doch
eine solche in meinem Beitrag überhaupt nicht erwähnt.
Die These, es gäbe nicht Arbeit genug, ist uralt und wurde in schöner Regelmäßigkeit
wiederholt, wie es auch heute in einigen Büchern geschieht, zumal sich bestimmte
Themen gut verkaufen lassen. Arbeit für die Autoren, die Druckereien, die Buchgeschäfte.
In schlechten Zeiten läßt sich auch Esoterik vermarkten, auch Horoskope oder
andere Hoffnungsträger.
In der "Liberty" vom 30. Juni 1888 war zu lesen: "Nicht Arbeit genug! Daß so
ein Wahn in den Köpfen der Mehrzahl Platz greifen konnte, zeigt, wie verkehrt
das ganze wirtschaftliche System der modernen Staaten ist... Sobald der Arbeiter
keinen Tribut zu zahlen braucht für das Privilegium, arbeiten zu dürfen, wird
die Klage über Arbeitsmangel verstummen."
Der soziale Schmarotzer unterscheidet sich nicht von einem kapitalistischen
Schmarotzer. Die Lösung der sozialen Frage sollte über die erhöhte Produktivität,
über eine Verminderung der Kapitalbelastung erfolgen, Aufhebung der staatlichen
Monopole, Elimination der Privilegien, Beteiligung an der Grundrente, nicht
im Rahmen einer gegenseitigen Ausbeutung der Arbeitnehmerlnnen und Nichterwerbslosen.
Das wäre eine Basis für eine Solidarität, die auf Freiwilligkeit beruht, sich
"gegenseitige Hilfe" verwirklichen läßt.
Bei der Forschung, Entwicklung, Konstruktion etc. muß man schon zwischen den
staatlichen Instituten, den subventionierten Unternehmen, Aktiengesellschaften
und den privaten Firmen unterscheiden. In der Abteilung Konstruktion habe ich
erfahren, es gibt die nötige Zeit zum Nachdenken, zur Kreativität, auch in den
kapitalistischen Betrieben. (Volkseigene Betriebe lernte ich auch kennen - und
damit nicht nur schlechte Arbeitsbedingungen, sondern auch ein sehr devotes
Verhalten von Menschen, die nach offizieller Lesart in einem Arbeiter-Bauern
Staat lebten.)
Nach ständigem Daumenlutschen kommt Paoli auf seine Forderung, worauf er eigentlich
seinen ganzen Artikel hätte beschränken können: "Deshalb kann sie (die Subsistenz
der "Glücklichen Arbeitslosen") nur durch ein bedingungsloses Sozialeinkommen
gezahlt werden." Aufschlußreich ist die Wortwahl. "Bedingungslos", d.h. in unbeschränkter
Höhe, ohne jeden Konsens mit den gesellschaftlichen Gruppen, die diese Mittel
aufbringen müssen.
Sozialeinkommen gibt es bereits, natürlich nicht genug, dafür gingen (gehen)
französische Arbeitslose auf die Straße, wobei sie zunächst die Polizeiknüppel
der Regierung des Premierministers Jospin kennenlernten. Der französische Staat
wird ihre Forderungen nicht erfüllen, d.h. es wird nur eine sehr begrenzte Erhöhung
bei der Zahlung vom Arbeitslosengeld geben. Die Freude darüber, daß zwei Drittel
der befragten Franzosen ihre Solidarität mit den Arbeitslosen bekunden, währte
leider nur kurz, denn die Bereitschaft durch noch höhere Steuern und Abgaben
erhöhte Beiträge für die Arbeitslosen zu leisten, ist auch bei den Beschäftigen
in Frankreich nicht vorhanden.
Dort wie hier besteht ein Konflikt zwischen den Beschäftigten und den Unbeschäftigten.
Es besteht ein weiteres Problem, nämlich das der Begrenzung der Massenarbeitslosigkeit.
Solange eine Mehrheit beschäftigt ist, diese aber ständig ein durch Steuern
und Sozialabgaben sinkendes Nettoeinkommen hinnehmen muß, befindet sich der
Staat in einer Situation der beständigen Sparmaßnahmen. Diese Situation will
Paoli nicht wahrnehmen. Sie erzwingt, daß die sogenannten Sozialeinkommen relativ
niedrig bleiben. Zum Glücklichsein kann auch das reichen, zumal Paoli ja keine
unnötigen Bedürfnisse besitzt. Wozu also seine ganze Aufregung? Niemand hindert
ihn, seine glückliche Arbeitslosigkeit nicht zu genießen. Warum diese Fleißarbeit
für einen Artikel, der sich auf einen einzigen Satz, nämlich auf eine bloße
Forderung beschränken läßt? Wozu diese ganzen fadenscheinigen Begründungen,
es gäbe keine absoluten Kenntnisse, worüber man sich philosophisch sicherlich
auslassen kann, was aber nichts daran ändert, daß lebendige Menschen Bedürfnissse
haben, die sie befriedigen müssen. Paoli dreht sich im Kreise, schwafelt und
schwafelt, dann läßt er wieder - im völligen Widerspruch zu seinen "philosophischen
Ansichten" - seine Hose (auch da braucht er hin und wieder eine neue) runter,
um seine Forderung auszuspucken !
Da er jede wirtschaftliche Realität leugnet, aus welcher Realität sollte dann
das Sozialeinkommen sprudeln? Paoli bezahlt die Nutten mit "Schwundgeld", auch
dieses Wort wurde von mir nicht verwendet, aber was möchte er selbst haben,
wertloses Geld, wie es sich heute in etlichen Staaten im Umlauf befindet? Nun
denn, Paoli sind "wirtschaftliche Fragen" suspekt, weshalb er sich über das
Wesen des Geldes, Geldverfassung, keine Gedanken machen will - obwohl er ziemlich
scharf darauf ist, daß es in jedem Monat eine "Überweisung" auf sein Konto gibt.
Menschen haben gelebt, obwohl es noch kein Kapital gab (gemeint ist eigentlich
etwas anderes), aber die Menschen mußten stets etwas tun, allein um am Leben
zu bleiben. Um "ökonomische Realitäten" zu sehen, muß man, nach Paoli, schon
eine Brille tragen. So zimmert sich Paoli seine Traumwelt, um dann plötzlich
ganz große Augen zu machen und einen noch größeren Mund, streckt begierig seine
Hände aus, um sich ein bedingungsloses Sozialeinkommen anzueignen. Er könnte
sich da einen gewissen Betrag vorstellen, so rund 5000 Mark im Monat, vielleicht
etwas mehr. Dann wäre er so rundum glücklich. Dazu noch ein kostenlosen Bier,
vom Faß, versteht sich. Nützlich sollen die Geldscheine auch sein; nicht etwa
wertlos wie in Bulgarien oder Indonesien.
Auch freut er sich, wenn immer mehr mechanische, elektronische Sklaven seinen
Platz einnehmen, nur hat das einen Haken, den Paoli mit seinem Kartenhaus ignoriert,
Automation bedeutet eine hohe Produktivität, sicher, aber wir bleiben noch weiterhin
auf Menschen angewiesen, die für uns Leistungen erbringen. Aber konkrete Fragen
beantwortet Paoli nicht, er bemüht eifrig verschiedene Autoren, die sich ihre
Gedanken darüber machten, was denn so Wahrheit wäre, Wirklichkeit sein könnte,
wobei er unterschlägt, daß auch die meisten Wissenschahtler ein gutes Einkommen
zu schätzen wissen, sie für ihren Hintern ein Klo benötigen, auch ansonsten
froh sind, sich den Bauch vollschlagen zu können und ihr Leben nicht nur mit
den Büchern, sondern auch mit vielen anderen Genüssen zu bereichern. Der Beitrag
von Paoli macht aber deutlich, das ist besonders pikant, es geht diesen "Glücklichen
Arbeitslosen" lediglich um ein "Sozialeinkommen", wobei ihnen egal ist, woher
es kommt oder wer es ihnen "verspricht"!
Für Guillaume Paoli gibt es keine wirtschaftliche Realität. Aber der gleiche
Paoli, der nicht über eine sinnvollere Geldverfassung diskutieren will, der
überhaupt jede Diskussion ablehnt, wüßte ein gutes Geld (?) schon zu schätzen,
wenn er es nur hätte. Rumänische Banden, die hier im Umland von Hamburg morden,
plündern rauben, machen sich über "wirtschaftliche Realitäten" (über humanes
Verhalten schon gar nicht) auch keinerlei Gedanken und halten es für völlig
normal, wenn sie die Menschen bestehlen, die in den Augen von Paoli so blöd
sind, noch zu arbeiten.
Entscheidungen der Arbeitslosen sind häufig irrational. Darauf beruhte der Erfolg
von Hitler und auf dieses Konto kommen auch Wahlsiege der Rechten in Frankreich.
Arbeitslosigkeit ist auch ein politisches Problem. Unzufriedene Menschen verkennen
den Wert der Freiheit, wie es die Historie lehrt. Auch daher rechnet die PDS
mit einem guten Wahlergebnis. Aus dem Glauben, die materielle Versorgung sei
besser gewesen, es gab keine Arbeitslosen, weniger Kriminalität, ist auch eine
nostalgische Verklärung der DDR entstanden. Auch im Gefängnis findet sich ein
Stück Heimat, woran man sich später gerne erinnert. Ein Weltbild, das sich lediglich
auf eine materielle Versorgung sowie politische Abhängigkeit von den staatlichen
Institutionen reduziert, führt zur Rechtfertigung einer jeden Tyrannei. Ökonomische
Unabhängigkeit, freie Entscheidung darüber, ob man mehr oder wenig, selten oder
gar nicht mehr arbeitet, wäre die Basis für eine wirkliche Selbstbestimmung,
Unabhängigkeit von der staatlichen Abhängigkeit und Bevormundung. Inwieweit
die "Glücklichen Arbeitslosen" den Wert der Freiheit erkennen, sie diesen Wert
verteidigen, erscheint fraglich, bleibt also abzuwarten.
Der Beitrag von Paoli machte eines deutlich, aus seiner Sicht besteht für die
"Glücklichen Arbeitslosen" keinerlei Diskussionsbedarf.
P.S. Paoli nennt P. M. einen Anarcho-Calvinisten aus der Schweiz. Man kann verschiedener Meinung sein, auch P. M. macht Vorschläge, gibt Anregungen und Empfehlungen. Er erteilt aber keine Anweisungen. P. M. ist also kein Dogmatiker, der wie Paoli seine "bedingungslosen Forderungen" vertritt.